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Öffne mir das Tor zur Welt von Waite, Helen E., Jugendbücher, Historie, Biografie

Öffne mir das Tor zur Welt

Waite, Helen E.

Rating Star

Erscheinungsjahr: 2010

Verlag: Freies Geistesleben

Empfohlen ab: 12 Jahre

ISBN: 9783772523724

Inhalt

Helen Keller wurde mit neunzehn Monaten taub und blind; eine Heilung war aussichtslos. Erst als sich fünf Jahre später die junge Anne Sullivan der kleinen Helen annahm, lernte das Mädchen allmählich, Begriffe zu entwickeln, zu denken und sich ihrer Umwelt mitzuteilen. Eine erstaunliche Entwicklung begann: Helen absolvierte die Schule, beendete erfolgreich ein Universitätsstudium und wurde eine weithin bekannte Schriftstellerin und Rednerin.
Das Schicksal Helen Kellers (1880 – 1968) hat weite Teile der Öffentlichkeit bewegt und ein Verständnis für Menschen geweckt, die trotz ihrer Behinderung Bedeutendes für unsere Kultur geleistet haben. Aber oft wurde auch übersehen, dass gerade solche Menschen einen selbstlosen Begleiter brauchen, der es ihnen ermöglicht, ihren inneren Reichtum zu entfalten. Für Helen Keller wäre die enorme Entwicklung, die sie in ihrem Leben durchmachen konnte, ohne den Beistand und die enge Beziehung zu ihrer Lehrerin Anne Sullivan (1866 – 1936) nicht möglich.

Bewertung

Die Autorin erzählt anhand von Originaldokumenten (Tagebüchern, Briefen etc.) die Geschichte der taubblinden Helen Keller und ihrer Lehrerin Annie Sullivan. Annie war selbst als kleines Kind erblindet und weil sich niemand um sie kümmern konnte oder wollte, im Armenhaus gelandet. Durch einen glücklichen Zustand gelangte sie an das Perkins-Institut für Blinde, wo sie zur Schule gehen und lernen konnte. Eine Operation gab ihr als Teenager ihr Augenlicht zurück und sie machte ihren Abschluss als Sehende.
Im Sommer nach ihrem Schulabschluss wird ihr eine Anstellung als Erzieherin in der Familie Keller in den Südstaaten angeboten, wo sie sich um die kleine Helen kümmern soll, die mit 19 Monaten durch eine Krankheit taub und blind geworden war. Da im Institut auch eine taubblinde ehemalige Schülerin lebt, mit der sich Annie besonders angefreundet hat, verfügt sie schon über einige Erfahrung im Umgang mit taubblinden Menschen und nimmt die Herausforderung an.
Helen entpuppt sich als äußerst aufgewecktes kleines Mädchen von fünfeinhalb Jahren, die sich trotz ihrer Einschränkungen mit ihrer Umwelt verständigen kann und sich auch recht furchtlos auf dem weitläufigen Gelände des elterlichen Landbesitzes bewegt. Als Annie ihr das "Sprechen" mittels in die Hand buchstabiertem Fingeralphabet beibringt, bricht buchstäblich ein Damm in Helen. Sie lernt in Rekordzeit, sich in korrektem Englisch zu verständigen, nicht nur eine, sondern gleich fünf Blindenschriften zu lesen und zu schreiben (damals gab es noch keine einheitliche Brailleschrift) und sogar mit dem Bleistift die sogenannte Quadratschrift zu schreiben, die auch für Sehende lesbar ist. Sie schreibt Briefe an entfernt wohnende Verwandte und saugt mit ihrem scharfen Verstand alles in sich auf, was sie aus ihrer Umwelt lernen kann. Später zieht sie mit Annie ins Blindeninstitut und absolviert dort zusammen mit den anderen Schülerinnen den normalen Schulstoff und lernt nebenbei noch Französisch, Deutsch, Latein und Griechisch. Doch auch der Schulabschluss genügt ihr nicht: Es gelingt ihr, an einer regulären Universität aufgenommen zu werden, die sie ebenfalls mit einem Abschluss wieder verlässt.
Die ganze Zeit ist Annie dabei an ihrer Seite und dolmetscht das, was die Lehrer in der Schule und die Dozenten an der Universität sagen, mithilfe des Fingeralphabets in ihre Hand. Zusammen reisen sie später durch das Land und halten Vorträge. In späteren Jahren bereisen die beiden auch Europa und sogar Japan.
Das Buch ist eine höchst faszinierende Darstellung des Lebens zweier außergewöhnlicher Frauen. Ohne Annie wäre Helen Keller wohl für immer in ihrer dunklen, stillen Welt ohne Sprache eingeschlossen geblieben, doch sie öffnet ihr in der Tat das Tor zur Welt, indem sie ganz eigene, moderne Lehrmethoden entwickelt, mit deren Hilfe sich Helens aufgeweckter Geist optimal entfalten kann.
Auch wenn es sich eher um eine Beschreibung handelt als um eine Geschichte im eigentlichen Sinn, liest sich das Buch dank des lebendigen, flüssigen Stils sehr gut. Atemlos verfolgt man die unglaubliche Entwicklung des kleinen taubblinden Mädchens, erfährt aber gleichzeitig auch, mit welcher Hingabe sich Annie bis hin zur Gefährdung der eigenen Gesundheit ihr Leben lang für sie einsetzt. Eine sehr berührende Geschichte, schön erzählt und absolut lesenswert. 5 Sterne.
Susanne Schmidt-Wussow (Gastrezension)

Themen: Biografie