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Anne Frank und der Baum von Gottesfeld, Jeff, Bilderbücher, Zum Vorlesen, Klassiker

Anne Frank und der Baum

Der Blick durch Annes Fenster

Gottesfeld, Jeff / McCarty, Peter

Übersetzung: Pressler, Mirjam

Rating Star

Erscheinungsjahr: 2018

Verlag: Fischer Sauerländer

Empfohlen ab: 6 Jahre

ISBN: 9783737355094

Inhalt

Eine große Kastanie im Hinterhof sieht einem Mädchen zu. Wie es spielt, wie es lacht und wie es in sein Tagebuch schreibt. Das Mädchen heißt Anne Frank. Der Kastanienbaum kann sehen, wie das Mädchen hinter den Vorhängen am Fenster vorsichtig hinausschaut. Der Baum erlebt, wie der Krieg beginnt, die Soldaten kommen. Er muss mit ansehen, wie Anne Frank und ihre Familie von den Nazis abgeholt werden und er erlebt, wie Annes Vater nach dem Krieg zurückkehrt - allein.

Eine ergreifende Bilderbuchgeschichte mit beeindruckenden Illustrationen aus der Sicht des Baumes, der viele Jahre im Hof des Hinterhauses stand, in dem Anne Frank und ihre Familie versteckt waren. Der Baum starb in dem Jahr, in dem Anne Frank 81 Jahre alt geworden wäre. Aber viele seiner Setzlinge leben auf der ganzen Welt weiter und erinnern an das Schicksal von Anne Frank.

Bewertung

Wie fühlt es sich an, wenn von der ganzen herrlichen Natur, der frischen Luft und Freiheit nichts übrig bleibt als ein durchs Dachfenster begrenzter Blick auf einen Baum im Hinterhof? Diese Frage beantwortet Anne Franks Tagebuch Leserinnen und Lesern schon seit Generationen. Jeff Gottesfeld hat nun die Perspektive gewechselt: Aus Sicht des Baumes im Hinterhof erzählt er deutlich verknappt Annes Geschichte und spricht so noch jüngere Menschen an – der Verlag empfiehlt das Buch Anne Frank und der Baum ab sechs Jahren.

 

Gottesfeld begleitet sehr vorsichtig Annes Leben vom Umzug in die Niederlande bis zur Entdeckung im Hinterhaus. Dabei lässt er viel Raum für eigene Überlegungen, Nachfragen und weitere Erklärungen. So versteht beispielsweise der Baum nicht, warum Anne und ihre Familie das Haus nicht mehr verlassen. Der Text selbst erklärt dies nicht. Hier muss also durch ein begleitendes Gespräch geholfen werden. Oder bis zum Nachwort gewartet. Hier werden zumindest einige dieser losen Fäden aufgenommen und Annes Lebensgeschichte noch einmal weniger künstlerisch erzählt.

Begleitet wird Gottesfelds Text durch sehr zarte, feinfühlige Illustrationen von Peter McCarty. Bedrohung durch den Krieg und familiäre Vertrautheit, Traurigkeit und Glück finden in seinen ruhigen Tuschezeichnungen ihren Platz und passen zur unaufgeregten Stimmung des Textes. Gemeinsam schaffen Gottesfeld und McCarthy so eine nachdenkliche Atmosphäre. Mit dem Baum als Protagonisten schaffen sie es sogar, über Anne Frank und ihr Leben hinauszuweisen auf die heutige Erinnerungskultur. Denn der Baum im Hinterhof steht nicht mehr, doch an anderen Gedenkstätten wachsen seine Setzlinge. Das Nachwort liefert dazu auch eine Liste von Orten in Deutschland.

 

Alles in allem ist Anne Frank und der Baum eine gelungene Adaption der Geschichte Anne Franks, die zentrale Momente ihres Lebens einfängt und aus der Sicht des Baumes erzählt. Leider wird diese Perspektive nicht immer perfekt eingehalten, weder in den Illustrationen noch im Text, aber das stört nur auf formaler Ebene. Wichtiger ist hingegen, dass Kinder mit diesem Buch nicht alleine gelassen werden sollten. Gerade wenn sie Anne Frank noch gar nicht kennen, sind Text und Bilder sonst viel zu schwer zu verstehen. Vielmehr ist hier sensible Begleitung notwendig. Dann jedoch ist Gottesfeld und McCarty hier ein Buch gelungen, das einfühlsam und vorsichtig auf eine nähere Beschäftigung mit dem Holocaust zuführt und erste Kontakte mit diesem wichtigen Kapitel unserer Geschichte ermöglicht.

 

Saskia Geisler :: Redaktion Buecherkinder.de
 

Themen: Klassiker