Bilderbücher  >  Zum Vorlesen
Der kluge Fischer von Böll, Heinrich , Bilderbücher, Zum Vorlesen, Außergewöhnliches

Der kluge Fischer

Böll, Heinrich / Bravo, Émile

Rating Star

Erscheinungsjahr: 2014

Verlag: Hanser

Empfohlen ab: 3 Jahre

ISBN: 9783446242982

Inhalt

In einem kleinen Hafen macht ein Fischer morgens seine Siesta. Ein Tourist weckt ihn durch das Klicken seines Fotoapparats und fragt, warum er nicht aufs Meer fahre. Der Fischer antwortet, er sei schon draußen gewesen. Warum er nicht noch einmal hinausfahre, fragt der Tourist. Mit der größeren Ausbeute könne er Schiffe und eine Fischfabrik kaufen. Am Ende wäre er so reich, dass er nicht mehr arbeiten bräuchte und morgens in der Sonne sitzen könnte. Darauf der Fischer: "Aber das mache ich doch gerade, nur das Klicken Ihres Fotoapparats hat mich gestört."

Bewertung

Heinrich Böll schrieb 1963 diese, seine moderne Fabel zum Tag der Arbeit nicht ganz ohne Hintergedanken, wenn man sich die kurze Geschichte durchliest. Es geht um effektives, leistungsorientiertes Arbeiten, um Wohlstand, um Reichtum und ums Leben genießen. Typisch einer Fabel baut Böll die Geschichte auf: zwei Protagonisten, die charakterlich und äußerlich völlig gegensätzlich sind. Der eine will dem anderen die Welt erklären und erlebt am Ende seine Überraschung, die die Lehre für die Leser enthält. Wie es sich für eine gute Fabel gehört, ist die Geschichte kurz, unterhaltsam und dialogreich erzählt.

 

Emile Bravo, französischer Illustrator, hat sich nun Bölls Geschichte angenommen und sie zu einem Bilderbuch für Kinder ab 5 Jahre, so die Verlagsempfehlung, gestaltet. Seine Illustrationen sind ganz dem Zeitstil Bölls angepasst. Einfach im Aufbau, flächig in der Gestaltung. Der Blauton des Meeres dominiert, die Hafenstimmung wird so perfekt eingefangen. Immer wieder wechselt er die Perspektive und emotionalisiert so die Geschichte visuell stark. Mit nur wenigen Strichen schafft Bravo es, die Gefühle der Figuren prägnant in ihrer Körperhaltung und in ihren Gesichtern sprechen zu lassen. Die kleinen Szenenbilder und hier und da kurze Wortgeräusche geben dem Bilderbuch den Charakter eines Comics. Die Kleidung der Figuren, die Schriftauswahl, das Papier – all das gibt einem beim Lesen das Zeitreisegefühl, ein Kinderbuch der 1960er Jahre in der Hand zu haben. Bravo ist es vortrefflich gelungen, die Geschichte wie in ihrer Entstehungszeit mit seinen Bildern lebendig zu machen.

 

Trotz dieses positiven Eindrucks glaube ich nicht, dass dieses Bilderbuch für Kinder ab 6 Jahre geeignet ist. Es liegt keinesfalls an dem Retrostil der Illustrationen. Nein, es ist Bölls Fabel selbst. Sie ist in ihrer Thematik und Kernaussage keineswegs für Kinder in diesem Alter geeignet. Sie überschreitet in ihrer Dimension den Vorstellungshorizont der Kinder. Begreifen Kinder, die völlig in der Gegenwart leben, den Gegensatz zwischen ständigem Streben nach Mehr und dem Gebot, auch mal die Früchte der Arbeit zu genießen? Nein, Kinder werden sich dieses Buch anschauen, es nett finden, aber die Fabel bleibt ihnen zunächst verschlossen. Es drängt sich der Eindruck recht schnell von Anbeginn auf, dass dieses Bilderbuch mehr für Erwachsene geeignet ist. Und für sie ist es perfekt.

 

Wenke Bönisch :: Redaktion Buecherkinder.de

 

Themen: Außergewöhnliches