Junge Literatur  >  Aus dem Leben
Die Stille nach Nina Simone von Fretheim, Tor, Junge Literatur, Aus dem Leben, Erwachsenwerden, Problemthemen

Die Stille nach Nina Simone

Fretheim, Tor

Übersetzung: Dörries, Maike

Rating Star

Erscheinungsjahr: 2015

Verlag: Mixtvision

Empfohlen ab: 15 Jahre

ISBN: 9783958540316

Inhalt

Tor Fretheim erzählt von dem 18-jährigen Simon, der sich auf einer Zugreise nach Nordnorwegen befindet, wo sein Vater im Gefängnis sitzt. In einem Brief wendet sich Simon an die US-amerikanische Jazzsängerin Nina Simone. Die Sängerin spielt eine zentrale Rolle in Simons Geschichte, da seine Eltern sich bei einem ihrer Konzerte kennenlernten und ihren Sohn nach ihr benannten.

Simons Reise wird ein Streifzug in die Vergangenheit: Simons Vater hat die Mutter jahrelang misshandelt und schließlich umgebracht. Knappe Sätze sowie komprimierte Kapitel treiben den Roman voran, rollen das Geschehen nach und nach auf und geben kurze, zugleich jedoch tiefgreifende Einblicke hinter die Fassade einer ”ganz normalen Familie”.

Bewertung

Für manche Dinge gibt es keine Worte und so versucht Tor Frentheim auch nicht seinem Protagonisten große, poetische Worte in den Mund zu legen. Denn so erzählt man diese Geschichte nicht. Nüchtern, kurz und prägnant, das ist das Mindeste was man tun kann um das Unbeschreibliche zu beschreiben. Zu Beginn weiß der Leser nur: Etwas Schreckliches ist mit „der Mutter“ geschehen. Etwas, dass den jungen Erzähler Simon dazu bringt, mit dem Zug durch das Land zu fahren und seine Geschichte aufschreiben zu wollen.

 

Ein Einblick hinter die Fassaden einer kleinen, perfekten „Reihenhausfamilie“. Mutter, Vater, Kind und immer wieder diese Nina Simone, die so laut aus dem Plattenspieler grölt, dass alles Unglück hinter ihrer Stimme verschwindet. Mehr möchte ich auch gar nicht vom Inhalt preisgeben, denn desto weniger man weiß, desto besser. Denn auch der Klappentext und das Cover verraten nicht viel über den Inhalt.

Die zunächst unscheinbar und abstrakt wirkende Covergestaltung entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als interessantes Design. Das Foto zeigt eine Nahaufnahme einer sich drehenden Platte auf einem Plattenspieler, die schwarze Nadel erinnert zunächst an einen Revolver. Sehr passend zu Stil und Inhalt: verwischt, detailvoll aber rätselhaft. So sticht das nur 130 Seiten lange Büchlein vielleicht nicht sofort ins Auge, ist aber umso durchdachter gestaltet und gefällt mir wirklich gut.

 

Trotz des beschriebenen, kargen Schreibstils muss man keine Emotion entbehren, viel mehr lässt er Platz für eigene Interpretation, für unterschwellige Gefühle. Jedes Wort mehr wäre zu viel. Und trotzdem kommt man gut in die Geschichte rein, fühlt nicht, wie so häufig in moderner Literatur, Distanz und Abscheu, sondern Sympathie. Durch die Rückblenden wird Spannung aufgebaut und der Leser erfährt erst nach und nach was die Andeutungen zu bedeuten haben und was wirklich geschah. Mit wenigen, gut komponierten Charakteren wird das Leben und die Umgeben des Erzählers ausreichend beschrieben und für den Leser lebendig.

 

Ein kurzes Buch, das wachrüttelt und zum Nachdenken anregt, literarisch und mutig schreibt Tor Frentheim einen tragischen, erfrischend ehrlichen Jugendroman, der hoffentlich noch viele berühren wird.

 

Elisa Lehmann (17) :: Kinder- und Jugendredaktion Buecherkinder.de

Themen: Erwachsenwerden, Problemthemen