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Die Tintenspinner von Pandolfo, Anne-Caroline, Bilderbücher, Ohne (viel) Worte, Anders sein

Die Tintenspinner

Pandolfo, Anne-Caroline

Rating Star

Erscheinungsjahr: 2016

Verlag: Mixtvisiion

Empfohlen ab: 3 Jahre

ISBN: 9783958540514

Inhalt

Eine Spinne und ein Krake begegnen sich. Wer macht hier die schönsten Kunstwerke? Oder ist etwas anderes vielleicht viel wichtiger?

Bewertung

Das kleine quadratische Bilderbüchlein wirkt auf den ersten Blick beinahe unscheinbar. Vor bescheiden weißem Hintergrund sprechen allein die aufs Wesentliche reduzierten, aber insbesondere durch das variationsreiche Spiel der Augenpaare überaus ausdrucksstarken, in Rot- und Schwarztönen gehaltenen Darstellungen der beiden sich wie zufällig begegnenden Protagonisten Tintenfisch und Spinne – und das ganz ohne begleitende Worte.

Außer ihren jeweils acht Beinen scheinen die Beiden nicht viel gemeinsam zu haben, was sie zunächst mit gegenseitigem skeptischen Beäugen quittieren. Große Fragezeichen in den Farben des Gegenübers symbolisieren beiderseits eine gewisse Ratlosigkeit bezüglich des Ausgangs der Begegnung. Mit dem Übergehen der Fragezeichen in Punkte lässt sich zweifache Nachdenklichkeit erahnen, deren erste Ergebnisse nicht lange auf sich warten lassen. Der Tintenfisch präsentiert der Spinne einen protzigen Tintenklecks, den diese sogleich misstrauisch inspiziert. Alsbald beginnt die Spinne trotzig webend ein eigenwilliges Gebilde, Kleinkinder-Kritzeln nicht unähnlich, zu kreieren, woraufhin der Tintenfisch mit noch größerer Tintenkleckserei kontert. Ein künstlerischer Schlagabtausch nach dem Motto „Wer kann es besser?“ scheint sich zu entspinnen, nun punktet die Spinne mit einem beachtlich geordneten Gewebe und weiter geht der Wettbewerb mit immer ausgefeilteren Formen. Tintenseepferdchen tritt gegen Fadenross an, womit wohl jeder dem anderen zu verstehen gibt, der bessere Künstler zu sein.

Man beginnt sich zu fragen, wie dieses Duell wohl auszugehen vermag. Eigentlich kann es fast nur ein schales Unentschieden geben … Aber dann … – überraschend - kein Gegeneinander mehr, sondern eine erste Annäherung: Aus seinem Tintenklecks beginnt der Krake eine Spinne zu malen, woraufhin deren lebendes Modell nun auch dem Kraken die Wahrnehmung und Spiegelung desselben in Form eines kunstvoll gewebten Tintenfischs zeigt. Nach kurzer erneuter Denkpause dann das rührende Finale: Spinnenbeinchen kitzelt zaghaft Tintenfischwange … das Eis ist gebrochen! Kindlich vergnügt fängt der Tintenfisch an, mit den Spinnenfäden zu spielen und zarte Spinnenbeine balancieren übermütig auf starken Krakenarmen, alles Fremdeln ist vergessen.

 

Warmherzig und humorvoll wird hier eine sehr berührende Geschichte einer beginnenden Freundschaft erzählt und gleichzeitig eine schöne Botschaft übermittelt. Vermeintlich Trennendes kann über die Sprache der Kunst Grenzen überwinden und Verbindendes schaffen – eine schöne Metapher und möglicherweise Lösungsansatz für manche Probleme unserer gegenwärtigen Zeit. Über dieses schöne Bilderbuch lässt sich trefflich miteinander philosophieren. Und wenn uns zum gegenseitigen Verständnis noch die Worte fehlen, lasst es uns doch über die Kunst versuchen und malend die wunderbare Tintenspinner-Geschichte „weiterspinnen“!

 

Hanna Nebe-Rector (malkastl.de) :: Redaktion Buecherkinder.de

Themen: Anders sein