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Harpyienblut von Ohms, Daniela, Junge Literatur, Fantasy, Fantasy

Harpyienblut

Ohms, Daniela

Rating Star

Erscheinungsjahr: 2012

Verlag: Schwarzkopf und Schwarzkopf

Empfohlen ab: 16 Jahre

ISBN: 9783862651375

Inhalt

Anders als normale Teenager verbirgt Lucie ihren Körper nicht aus Scham, sondern weil sie Angst hat, dass es sie ihr Leben kostet, wenn jemand von ihrem Geheimnis erfährt: Die 18-Jährige besitzt Flügel, die aussehen wie die eines Raubvogels und deren Flughunger sie kaum stillen kann.
Was für ein Wesen Lucie ist, hat sie selbst bisher nicht herausfinden können. Aber der finstere Sergej weiß mehr. Und auch der unheimliche Junge mit den Schmetterlingsflügeln, der sie nachts beobachtet, kennt Lucies wahre Bestimmung: Sie soll die Seelen toter Kinder abholen und durchs Jenseits begleiten. Als Lucie schließlich gezwungen ist, sich ihrer grausigen Aufgabe zu stellen, muss sie befürchten, ihre menschliche Seite zu verlieren ...

Bewertung

„Harpyienblut“ erzählt die Geschichte der 18-jährigen Lucie, die in ihrer Volleyballmannschaft groß gefeiert wird, aber ein doch eher betrübtes Dasein führt: Sie ist die Tochter einer Harpyie und eines Sterblichen, in deren Rücken sich gewaltige Vogelflügel verstecken, die sie vor den Menschen verstecken muss. Seit sie denken kann, lebt sie mit Scham und dem Gefühl, anders zu sein. Sie kann nicht wie die anderen spontan Schwimmen gehen, darf sich beim Umziehen nicht beobachten lassen und auch niemandem erzählen, dass sie beim Training eine 10-kg-Weste trägt, um nicht versehentlich vom Boden abzuheben.
Als sich Lucies Körper plötzlich immer mehr verändert, aus ihren Beinen Federn sprießen, und sie von einer unsichtbaren Macht auf die Reise geschickt wird, erkennt sie, dass sie ihr Menschsein immer mehr verliert: Als Harpyie ist es schließlich ihre Aufgabe, den Seelen Verstorbener beizustehen und sie zu neuen Körpern zu bringen. Doch leider hat Lucie keine Kontrolle über ihre Aufgabe und so wird es schnell geheimnisvoll um sie, wenn sie tagelang verschwindet.
Nur der junge Russe Sergej, ihre beste Freundin Emilia und der Schmetterlingsjunge Jean, wissen um Lucies wahre Identität. Und diese Freundschaften sind für sie unverzichtbar, denn schon bald merkt Lucie, dass sie ihre Aufgabe nicht erfüllen kann und will, was sie zum Ziel der Todesharpyien macht.
Das ist doch mal was Anderes, nach den ganzen Vampir, Werwolf- und Elfenromanen :) Die Einführung eines altbekannten Wesens aus der antiken Mythologie in die moderne Fantasyliteratur finde ich sehr überraschend und das war auch der Grund, der mich an diesem Buch reizte. Leider kann ich ihm aber nicht mehr als 3 Sterne geben, da es meine Erwartungen doch eher enttäuscht. Aber erst einmal die positiven Sachen (davon gibt es auch eine ganze Reihe): Ich rechne Daniela Ohms sehr hoch an, dass sie den Handlungsort nach Berlin gelegt hat. Das war zur Abwechslung erfrischend und interessant; vom Himmel über Berlin, den Feldern Brandenburgs und benachbarten Ländern wie Dänemark und Polen zu lesen. Auch Jeans französische und Sergj russische Herkunft machten das "Harpiyenblut-Universum" in dieser Hinsicht vielseitig. Das gibt der Geschichte einen Hauch von (regionaler) Nähe, unter anderem auch, da ganz alltägliche Dinge wie der (typisch deutsch-bürokratische :)) Schüler-BaföG-Antrag auftauchen. Der Roman behandelt sehr viele einfallsreiche und tiefgründige Themen, wie den Kreis der Seelenwiedergeburten, Rachegelüste an Mördern, das Waisenhaus der kindlichen Geister, die von einer Weißen Mutter umsorgt werden, die unheimliche und romantische Verbindung von Zwillingsseelen, die Bindung der Geister an ihre Hinterbliebenen und das unbewusste Talent der Halbblüter, fremde Sprache schon nach kurzer Zeit zu lernen.
Wer sich jetzt denkt "Na, da passiert doch aber eine ganze Menge", dem kann ich das nur bestätigen. Leider ist es meiner Meinung nach aber auch ein ganz großes Manko an dem Roman und dadurch an der Erzählweise. Es wird natürlich viel Spannung aufgebaut, allerdings nicht ausgereift geschildert und auch der Stil ist eher unbeständig. Manchmal empfand ich die Erzählung als sehr unkoordiniert, auch lückenhaft. Da lässt die Konzentration schnell nach und man hat das Gefühl, die Geschichte zieht sich unnötig in die Länge. Für einen 430 Seiten starken Roman ist es zu viel, wenn man über die Last, ein Harpyienlbut zu sein, das Hin- und Hergerissensein zwischen zwei Lieben, das Verlangen, eigene Entscheidungen treffen zu wollen und sich gegen eine unbekannte Macht zu stellen, die eigene Vergangenheit ergründen zu wollen, die Konfrontation und Erklärungen über Todes- und Hungerharpyien zu schildern, die Verfolgung des Feindes und die separate Geschichte der Weißen Frau erzählen will.
Da ich das Ende unbefriedigend finde, glaube ich, dass aus dieser Grundlage ein guter Mehrteiler geworden wäre, mit dem Fokus auf bestimmte Geschichten, statt alles in eine Große zu pressen. Die Figuren durchlaufen keine großartigen Entwicklungen, werden bei dem, was ihnen widerfährt, nicht viel reifer und manchmal hatte ich das Gefühl, dass die aufgestellten Wesensregeln für bestimmte Szenen des Buches einfach abgeändert wurden. Daher sind auch logische Ungereimtheiten nicht selten. Viele Handlungs- und Entwicklungsstränge werden aufgegriffenen, die dann aber im Nirgendwo verschwinden. Und auch den Charme einer Erstauflage gibt es hier in den kleinen Rechtschreibfehlern und einer falschen Übersetzungsfußnote.
Mytheninteressierten Lesern kann ich das Buch empfehlen, wer nur aus Lust und Laune liest, dem sei es abgeraten. Die Altersempfehlung „ab 16“ ist, denk ich, gut gewählt. Fantastisch finde ich übrigens die Covergestaltung und auch die Zeichnung von Lucie im Buchdeckel ist ganz nett.
Für ein Erstlingswerk ist ein einfallsreicher und passabel umgesetzter Einstieg in die Literaturwelt.
Beatrice Buchholz (22) :: Redaktion Buecherkinder.de



Achtung Spoiler! Lucie ist anders als viele Teenager, denn sie besitzt Flügel mit einer Spannweite von 6 Metern in bzw. auf ihrem Rücken. Um ihr Geheimnis für sich zu bewahren, versteckt sie ihre Flügel unter einer straff um ihren Körper gewickelten Binde und sagt, sie hätte schwere Verbrennungen erlitten, damit niemand ihren Körper sehen darf.
Nur sie selbst und ihre verstorbene Mutter wissen von diesem Geheimnis und beschützten es immer. Dann taucht Sergej aus ihrem Volleyballteam auf und scheint mehr über Lucie und ihr Geheimnis zu wissen. Zudem wird Lucie von einem Jungen mit Schmetterlingsflügeln des Nachts beobachtet, der Lucies wahre Bestimmung kennt, denn sie soll die Seelen toter Kinder durch das Jenseits begleiten. Wird Lucie ihrer Bestimmung folgen und ihre Menschlichkeit verlieren?
Der Debütroman der Autorin Daniela Ohms beginnt für mich bereits sehr gelungen. Ich konnte verstehen, wie sich die echte Vogelmutter fühlte als sie ihr Ei 9 Monate lang behütete und es ihr Herz zerriss als sie ihr Kind fortgeben musste, ohne es nur ein einziges Mal berührt oder mit ihm gesprochen zu haben. Es zerriss mir beinahe das Herz. Umso erfreuter war ich, als Lucie schließlich von einer liebevollen Frau aufgenommen und großgezogen wurde, die ihr Geheimnis bewahrte bis sie schließlich aus dem Leben schied, so dass Lucie bei ihrer Tante wohnen musste.
Als Leser wird man gleich zu Beginn des Romans in Lucies Geschichte getaucht, um ihre wahren Lebensumstände kennen zu lernen und zu verstehen, warum sie so handelt, wie sie es tut. Nach und nach erfährt man immer mehr über Lucie und ihre Fähigkeiten, die beim Volleyballspielen wundervoll erklärt werden. Je weiter die Geschichte um Lucie voranschreitet, um sie mehr erfährt auch Lucie über sich selbst. Sei es über eigene teilweise schmerzhafte Erfahrungen oder durch Berichte des erfahrenen Jeans. Lucie fühlt, liebt und begehrt wie jeder normale Mensch auch und findet großen Halt bei ihren Freunden, was Frau Ohms glaubhaft gelungen ist zu vermitteln.
Das Buch ist aus der Perspektive eines Beobachters geschrieben, was ein wenig Distanz zu der Protagonistin Lucie aufbaut. Ich bin sehr froh über diese Distanz, denn mir ist Lucie von der ersten Seite der Geschichte bereits sehr nah gegangen, so dass ich manchmal schon ein wenig feuchte Augen beim Lesen hatte. Denn Lucies Aufgabe bestand darin, die Seelen verstorbener Kinder ins Jenseits begleiten. Diese Kinder starben jedoch nicht eines natürlichen Todes, sondern bei Unfällen, an Krankheiten oder sie wurden ermordet. Dies ist sehr bewegend und schürt eine traurige Atmosphäre, so dass man als Leser – wie auch die Protagonistin selbst – anfängt sich zu fragen, wer über Leben und Tod dieser Kinder entscheidet.
Die Autorin geht mit diesem ernsthaften und traurigen Thema sehr niveauvoll um. In ihren Debütroman verwebte Frau Ohms verschiedene Mythen mit eigenen Ideen, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte.
Ich konnte mich sehr gut in Lucies Charakter und Geschichte einfühlen, da diese trotz ihrer Distanz sehr gut von Frau Ohms dargestellt und beschrieben wurden. Manchmal ging mir Lucies Geschichte so nah, dass ich erst einmal kurz verschnaufen musste.
Die mystische Covergestaltung finde ich sehr gelungen. Auf dem Frontcover ist ein Nest mit einem Ei abgebildet, aus welchem eine kleine menschliche Kinderhand herausschaut, die die Eischale aufbrechen will. Lucie. Schlägt man das Buch auf, wird man mit Zeichnungen aus Feder und Tusche auf Lucie´s nicht menschliche Seite aufmerksam gemacht.
Der Debütroman „Harpyienblut“ von Daniela Ohms berührte mein Herz und meine Seele zutiefst, so dass ich manchmal das Buch für wenige Augenblicke bei Seite legen und mich sammeln musste. Schließlich ging es hauptsächlich um Schicksal, Bestimmung und Tod und erfährt einige Auflockerungen durch kleine positive Ereignisse wie Freundschaft, Liebe und Begehren. Dennoch konnte ich nicht aufhören dieses Werk bis zum Ende zu lesen. Die Charaktere wie auch die fantasiereiche Mythologie überzeugten mich, jedoch ist dieses Werk keine leichte Kost, so dass es wohl auch nicht jedermann anspricht.
Ich freue mich auf weitere tolle Bücher der Autorin Daniela Ohms und vergebe diesem Erstlingswerk 4 Sterne.
Alexondra Lehmann :: Redaktion Bucherkinder.de

Themen: Fantasy