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Ich und du und er von Nelen, Marleen, Jugendbücher, Fantasy, Liebe

Ich und du und er

Nelen, Marleen

Rating Star

Erscheinungsjahr: 2012

Verlag: Urachhaus

Empfohlen ab: 12 Jahre

ISBN: 9783825178246

Inhalt

England 1804. Der 15-jährige Adam lebt mit seinem Vater und seinem Bruder Nelson an der englischen Küste. Das Leben der Dorfbewohner steht ganz im Zeichen des Meeres: Seit Generationen fahren die Männer jeden Tag zum Fischen aufs Meer und die Frauen bleiben zu Hause, um sich um die Netze zu kümmern.
Aber Adam bleibt lieber an Land und verbringt seine Tage mit Shona, mit der er von den hohen Klippen ins Meer springt und vom Fliegen träumt. Als ein Fremder ins Dorf kommt, beäugen die Männer ihn skeptisch – ist er ein Spion, der ihre Schmuggelgeschäfte aufdecken soll? Gleichzeitig entdeckt Adam, dass auch sein Bruder Nelson sich für Shona interessiert. Sein Leben droht aus allen Fugen zu geraten ...

Bewertung

Irgendwann gelangt man in seiner Jugend an einen Punkt, an dem man sich in der immer da gewesen Umgebung, mit den stetig gleichen Menschen und auch in der eigenen Haut unwohlfühlt. Dann ziehen sich die Tage wie Kaugummi und nichts kann einen mehr überraschen. Es sei denn, etwas Fremdes stört die Verstocktheit und man öffnet seine Gedanken und lässt die lang schon wartenden Träume zu.
Das ist es, was dem Protagonisten Adam widerfährt. Er ist am Meer aufgewachsen, aufgezogen von seinem Vater und Bruder, die beide nicht viel mit ihm anfangen können. Denn Adam hat keine Verbindung zum Meer, für ihn gibt es dort nur Trübsal. Ein Leben als Fischer ist für ihn unvorstellbar - aber scheinbar vorherbestimmt -, und auch mit den Schmuggelgeschäften der Dorfleute möchte er nichts zu tun haben. Das Einzige, was seinen Alltag nicht ganz von Gleichgültigkeit und Unzufriedenheit erdrücken lässt, sind seine "Ziehmutter" Lousia (eine Kräuterfrau mit der einzigen Bibliothek im Dorf) und deren Schülerin Shona, von der Adam schon immer angetan war. Sie ist seine einzige Freundin und alles, was er liebt. Mit ihr kann er von Klippen springen; die Stille am Strand ertragen, während sie zeichnet und auch übersinnliche Erfahrungen machen, die scheinbar Träume verwirklichen sollen.
So wie er sich nach ihr und ihrer Zuneigung sehnt, sehnt er sich aber auch vor allem nach der Freiheit, die er im Fliegen erwartet. Wie gelegen kommt es ihm da, als der gestrandete Charles (der aussieht, als wäre er „an einem schlechten Tag auseinander gefallen und jemand hätte ihn besonders stümperhaft wieder zusammengesetzt“) von den Fischern an Land gebracht wird. Er scheint zu wissen, wie man die bloße Idee von Erfindungen realisieren kann und macht sich mit dem Jungen daran, ein Flugobjekt zu bauen. Fortan steht Adam zwischen den Stühlen und muss begreifen, was es heißt, sich einen Plan von der Zukunft zu machen.
Über diesen Roman zu schreiben, lässt mich ein wenig verzweifeln: So viel Großartiges gibt es zu besprechen und zu erwähnen, sei es die Geschichte und die überraschenden Geschehnisse; die interessanten Figuren oder die wundervollen Sätze, von denen ich gerne so viele zitieren möchte. Es herrscht vornehmlich eine melancholische und träge Stimmung in der Geschichte vor, die jedem bekannt ist, der sich in seiner Welt fehl am Platze fühlt. "Ich denke an die Dinge, die ich nie tun werde, weil ich in diesem Dorf geboren bin", stellt Adam schmerzlich fest und es treibt ihn gleichzeitig dazu, unüberlegt zu handeln. Doch wer fliegen will, darf das Fallen nicht unterschätzen.
Man muss sich darauf einlassen können, dass Einiges ungesagt bleibt, dass die Bildhaftigkeit in den Worten gewaltig ist und dass es auch mal wirr erscheint. Die Grenzen zwischen Adams Erleben und seinem Erdachten verschwimmt immer stärker, je überforderter er mit der Situation wird. Auch erzählt der Ich-Erzähler paradoxerweise von Geschehnissen, bei denen er nicht dabei ist. Irgendwie gelingt es Nelen, zu zeigen und zu (be)schreiben, wie man selbst beim Denken immer abdriftet, wenn man seine Ideen nicht laut ausspricht. Im Kopf ist nicht immer Ordnung angesagt.
Adam braucht viel Aufmerksamkeit: Nicht nur von seinen Mitmenschen, sondern auch vom Leser. Wenn man sich aber darauf einlässt, dann kann es eine ungeheuer packende Wirkung haben. Wer den Film "Arizona Dream" mit Johnny Depp kennt und mag, für den wird auch diese Geschichte etwas sein. Sie poetisch - aber nicht kitschig, abdriftend - aber nicht skurril. Vier Sterne!
Beatrice Buchholz :: Redaktion Buecherkinder.de

Themen: Liebe