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Intisars Auto von Riera, Pedro / Casanova, Nacho, Junge Literatur, Aus dem Leben, Manga & Graphic Novel, Zeitgeschehen

Intisars Auto

Aus dem Leben einer jungen Frau im Jemen

Riera, Pedro , Casanova, Nacho

Rating Star

Erscheinungsjahr: 2014

Verlag: Egmont Graphic Novel

Empfohlen ab: 15 Jahre

ISBN: 9783770455102

Inhalt

Intisar tritt gerne aufs Gaspedal und hört dabei laut Rihanna. Sie ist Ärztin und arbeitet in einem Krankenhaus in Saana, der Hauptstadt des Jemen. Ihr Toyota Corolla ist für sie ein Symbol der Freiheit und der Gleichberechtigung. Denn eine Frau am Steuer, das ist nichts Alltägliches im Jemen.

Ihr Vater darf nicht wissen, dass sie einen Führerschein hat. Mit Witz und Raffinesse unterwandert sie die etablierten Strukturen ihres Heimatlandes und kämpft darum, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Bewertung

Es wirkt wie ein krasser Widerspruch, wenn Intisar mit dem Gesichtsschleier Nikab bis auf die Augen vollkommen verhüllt in ihrem Corolla die Reifen quietschen lässt. Die westliche Leserin (oder der westliche Leser) begegnet damit gleich auf den ersten Seiten dieser wunderbaren Graphic Novel einer völlig anderen, fremden und doch ganz nahen Kultur und wird in den weiblichen Alltag des Jemen entführt.

 

Aus der Perspektive der jungen Ärztin Intisar erzählt „Intisars Auto“ davon, wie es ist als gut ausgebildete Frau abhängig von Männern zu sein. Wie es ist, wenn der Bruder einen immer begleiten, wenn der Vater einem jederzeit das Arbeiten verbieten kann. Sie erzählt von Unterdrückung und Angst, von Wut und Hilflosigkeit und manches Mal bringt einen die Lektüre zum Schlucken.

Doch gleichzeitig erzählt Intisar von den kleinen Siegen des Alltags. Von den Triumphen und Hoffnungen, von den guten Momenten und genutzten Freiräumen. Beispielsweise erzählt sie, dass der Nikab natürlich nicht religiös vorgeschrieben sei. Auf der Straße verschaffe er den Frauen aber gewisse Freiheiten – zum Beispiel könne sie ihr Auto fahren, ohne Angst haben zu müssen, von ihrem Vater erkannt zu werden. Und diese Freiheit nutzt sie, um sich mit anderen, männlichen Autofahrern halsbrecherische Rennen liefern. Es ist eine Stärke des Buchs, dass mit Klischees gebrochen und nicht nur Hoffnungslosigkeit, sondern ein realistisches Bild weiblichen Lebens im Jemen gezeigt wird.

 

„Intisars Auto“ als Graphic Novel zu erzählen, war eine phantastische Entscheidung von Pedro Riera, der selbst mit Hilfe seiner Frau die Geschichten von jungen jemenitischen Frauen sammelte und wie ein Mosaik zusammensetzte. Die Zeichnungen von Nacho Casanova unterstützen die Darstellung kongenial. Wenn Intisar in Jeans, mit offenen Haaren und rauchend auf dem Sofa sitzt, um kurz darauf ihren Schleier anzulegen, wird der Bruch zwischen Privatem und Öffentlichem direkt sichtbar, das Erzählte gewinnt an Intensität.

„Intisars Auto“ gibt einen tiefen Einblick in den weiblichen Alltag im Jemen. Die Erzählung von Intisar ist in ein erklärendes Vor- und Nachwort des Autors Pedro Riera eingebettet, so dass die Geschichte selbst nicht zu sehr von Landeskunde überfrachtet wird und mögliche Fragezeichen aufgelöst werden.

Zugleich bietet die Geschichte trotz aller kultureller Fremdheit einen Spiegel auf das Eigene: So sehr wie Intisar für ihre Selbstbestimmung, ihre Identität, kämpft, lässt sie automatisch im Leser die Frage nach den eigenen Wünschen wach werden. Nutze ich meine Möglichkeiten zur freien Entfaltung genug? Was wäre mir so wichtig, dass ich dafür drastische Konsequenzen wie den gesellschaftlichen Ausschluss in Kauf zu nehmen bereit wäre? – Daher sei „Intisars Auto" den Lesern dringend empfohlen. Wie jedes gute Buch zwischen den Welten bringt es einem nicht nur das Fremde, sondern auch das Eigene näher.

 

Saskia Geisler :: Redaktion Buecherkinder.de

Themen: Manga & Graphic Novel, Zeitgeschehen