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Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen von Rak, Alexandra (Hrsg.), Jugendbücher, Historie, Deutsche Geschichte

Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen

Erzählungen über den Ersten Weltkrieg

Rak, Alexandra (Hrsg.)

Rating Star

Erscheinungsjahr: 2014

Verlag: Fischer KJB

Empfohlen ab: 12 Jahre

ISBN: 9783596856442

Inhalt

2014 jährt sich zum hundersten Mal der Erste Weltkrieg. Hochkarätige Autorinnen und Autoren machen durch ihre Texte diesen Krieg für Jugendliche erfahrbar. Die Geschichten reichen von den Schrecken des Krieges gleich in den ersten Tagen in Kafkas Prag bis zu einem Mädchen auf einem österreichischen Bauernhof, das auf einmal die Aufgabe der verschwundenen Männer übernehmen muss. Sie erzählen vom kurzen Innehalten beim Weihnachtsfrieden, von einem Kindererholungsheim in der Schweiz, in dem ein Jugendlicher an der Neutralität seines Landes verzweifelt, dem Untergang des Kreuzers Cöln vor Helgoland, der Begegnung zweier Soldaten in einem Feldlazarett in Lothringen und vielem mehr. Und immer stehen die Einzelschicksale im Vordergrund, die zeigen, wie der Krieg in das Leben einbricht oder zum grausamen Alltag wird, in dem es irgendwie zu überleben gilt.
Mit Erzählungen von Kirsten Boie, Paul Maar, Alois Prinz, Gudrun Pausewang, Hermann Schulz u.v.a., mit Fotos, Dokumenten und einer Chronik.

Bewertung

Der junge Schiffsheizer Karl auf Patrouille vor Helgoland, der Versicherungsangestellte Franz Kafka im Zug Richtung Prag, der Insektenexperte Erich Klein auf dem Weg nach Israel, die Jungherrin eines Anwesens in „Kurland“ und Walter, der lernen muss was „Ich lasse sie erschießen“ auf Polnisch heißt, haben eigentlich nichts gemeinsam. Und doch sind sie alle verbunden durch die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts: den Ersten Weltkrieg. 15 Autoren und Autorinnen führen den Leser an die unterschiedlichen Schauplätze des Krieges: An die Front, nach Hause zu zurückgebliebenen Eltern, Ehefrauen und Kindern, in verschiedene Länder und in die Gegenwart, wo auch nach 100 Jahren Auswirkungen des Krieges zu finden sind. Die Autoren erzählen wie es war und wie es gewesen sein könnte und zeigen damit ganz deutlich, wie jeder der Protagonisten den Weltkrieg ganz individuell erlebt hat.

Meiner Meinung nach ist dieses Buch eine wunderbare Textsammlung von 15 sehr unterschiedlichen aber durchweg beeindruckenden Kurzgeschichten. Es gab zwar ein oder zwei Geschichten, die ich im Vergleich mit den anderen als etwas schwächer empfunden habe, aber sie alle vermitteln dem Leser, dass der Erste Weltkrieg viel gewaltiger und facettenreicher war, als es die nüchternen Sachtexte in unseren Geschichtsbüchern vermuten lassen.

Begleitet werden die Geschichten von einer durchlaufenden Fußzeile, in der der Verlauf des Ersten Weltkriegs chronologisch aufgelistet ist. Auch wenn mir diese Idee eigentlich sehr gut gefallen hat war es etwas schwierig, der Kurzgeschichte und der Fußzeile gleichzeitig zu folgen. Außerdem standen die Ereignisse in der Fußzeile nicht im Zusammenhang mit dem Geschehen in der Geschichte, da die Kurzgeschichten nur lose chronologisch sortiert sind.

Die erste Kurzgeschichte führt den Leser gut in die Thematik ein, indem ein französischer und ein deutscher Soldat ihre Erlebnisse während des gesamten Weltkriegs in teils originalen, teils fiktiven Briefen nach Hause berichten. Am Schluss der Geschichte gibt sich der Autor als Enkelkind von eben diesen beiden Soldaten zu erkennen. Viele der darauf folgenden Erzählungen konzentrieren sich auf eine bestimmte Person, wie zum Beispiel das junge Mädchen in „Kurland“, dem heutigen Lettland, wo damals viele Deutschbalten lebten, oder Walter, der in der Schweiz in einer Ferienkolonie für deutsche Kinder arbeitet und an der Neutralität der Schweiz fast verzweifelt. Andere Geschichten behandeln bestimmte historische Ereignisse, wie den Weihnachtsfrieden 1914, den Untergang des deutschen Kreuzers Cöln oder die Heuschreckenplage in Israel. Insgesamt bekommt der Leser durch diese vielen unterschiedlichen Schauplätze, Personen und Schicksale ein viel genaueres Bild von der Verzweiflung, dem Elend aber auch den kleinen Freuden, die es während des Krieges gab.

Die Autoren und Autorinnen entführen den Leser an Orte von denen man in unseren Schul-Geschichtsbüchern nichts findet. Und genau das hat mir an dieser Sammlung am besten gefallen: sie zeigt, dass es auch hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs spannend und interessant sein kann, über dieses wichtige geschichtliche Ereignis zu lesen und dass die Menschen damals eigentlich gar nicht so anders waren als wir. Sie waren nicht uralt und verstaubt, sondern wie du und ich: mittendrin im Leben.

Ich vergebe 5 von 5 Sternen

Tessa Marie Scholler (17) :: Kinder- und Jugendredaktion Buecherkinder.de

Themen: Deutsche Geschichte