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Solange die Nachtigall singt von Michaelis, Antonia, Junge Literatur, Aus dem Leben, Spannung

Solange die Nachtigall singt

Michaelis, Antonia

Rating Star

Erscheinungsjahr: 2012

Verlag: Oetinger

Empfohlen ab: 16 Jahre

ISBN: 9783789142932

Inhalt

Nach Abschluss seiner Tischlerlehre begibt sich Jari auf Wanderschaft, um Freiheit und Natur zu genießen. Dabei trifft er auf Jascha, das bezauberndste Mädchen, dem er je begegnet ist, und folgt ihr zu ihrer Enklave mitten im Wald. Gefangen zwischen märchenhafter Schönheit und menschlichen Abgründen wird der harmlose Tischler zum unerbittlichen Jäger.

Bewertung

Puh – Ich weiß gar nicht, wo ich mit diesem außergewöhnlichen Roman anfangen soll.
Verzaubert vom schönsten Mädchen auf Erden, so betörend wie aus einem Märchen, begibt sich der 18-jährige Jari auf eine Reise, die ihn an die Grenzen seiner Vorstellungskraft und seines Verstandes bringen. Er lässt sich auf die Waise Jascha ein, die ihn schon bald so einnimmt, dass er bei ihr im abgelegenen Waldhaus bleibt und ihr bei allem zur Hand geht: Er bestellt den kleinen Garten, geht sogar jagen. Und immer mehr verliebt er sich in die unerreichbare Schöne, um die sich nach und nach ein Netz aus Geheimnissen spinnt. Obwohl Jari schnell Jaschas Spielchen überdrüssig wird, kann er sie einfach nicht verlassen, denn etwas hat die geheimnisvolle Waise an sich, das ihn nicht mehr loslässt. Doch immer mehr bröckelt die Fassade – nicht nur die des Hauses „voller Schönheit und Geheimnisse“, das für Jari anfangs von unbeschreiblicher Anziehungskraft und voller Melodien war, sondern auch Jaschas. Ist sie wirklich nur ein Mädchen, dass alleine im Wald wohnt? Warum verschwinden ihre Narben und tauchen immer wieder an anderen Körperstellen auf? Wie kommt es, dass sie sich an gemeinsame Erlebnisse mit Jari nicht mehr erinnert? Warum gibt sie auf keine von Jaris Fragen konkrete Antworten, sondern spielt mit ihren Worten? Nicht nur der Nebelschleier im Wald trübt die Sicht, sondern auch die lang zurückliegende Entführungsgeschichte dreier kleiner Mädchen, die bei einer Entführung in eben diesem Wald voller Gräben verschwanden.
Kann Jari den unheimlichen Entwicklungen auf den Grund gehen, oder verläuft er sich im Spiegellabyrinth des Hauses?
Was wie eine zauberhafte und märchenhafte Geschichte beginnt, entwickelt sich zu einem packenden Abenteuer, in dem bald nicht mehr nur Tiere zur Nahrung erschossen werden. Und dann bekommt Jari auch noch warnende Briefe. Schnell entwickelt sich Jari zu einem Beschützer, der nur noch an den Schutz des ihm Geliebten Interesse hat. Er wird waghalsiger, übermütig, wahnsinnig – nicht nur von den fremden Pilzen und dem kräftigem Wein, den ihm Jascha immer wieder einschenkt. Seine Erlebnisse verwandeln sich in einen Rausch, bei dem er die Zeit und sich selbst vergisst.
Die Geschichte passiert wie im Traum, mit nicht immer logischen, dafür aber bildgewaltigen Übergängen – sowohl für die Figur als auch für den Leser. Ich fand es unglaublich, wie die Autorin es meistert, auch nicht weiter aktiven Personen Leben einzuhauchen. Alle auftretenden Figuren sind greifbar und tief charakterisiert, besonders hat mir Matti gefallen, der in der ersten Hälfte des Buches nur eine Erinnerung ist, sich dann aber auf die Suche nach Jari macht und zu einer Schlüsselfigur wird. Die Frage nach dem, wie lange man man selbst bleibt, oder ob man überhaupt schon jemand ist, stellt sich immer wieder. Denn Jari will nicht länger nur "der Sohn" oder "der Tischlergeselle" sein, sondern sich neu und treffender darstellen. Eine grandiose Naturbeschreibung folgt der anderen mit einer Sprachgewalt, die ihresgleichen sucht.
Ich kann diesen fantastischen Roman gar nicht einordnen: Vom Reisebericht, Märchen, Thriller, Entwicklungsroman, Liebesroman bis zur Naturerzählung sind sämtliche Elemente enthalten und diese Verknüpfung macht es grandios. Michaelis wiegt den Leser auf die sichere Seite, nur um ihm im letzten Moment wieder zu verwirren. Der Roman kann an einigen Stellen tatsächlich langatmig werden, aber im Gesamten ist es dennoch genau passend dosiert. Die Sprache ist sehr poetisch, aber nicht kitschig. Sie zieht den Stil in einem durch, was nicht vielen Autoren gelingt, die ein so hohes Sprachmaß setzen. Es ist mal kein Jugendbuch über Fabelwesen oder Dystopien, sondern paradoxerweise märchenhafte Realität.
Ich habe „Solange die Nachtigall singt“ atmosphärisch sehr ansprechend gefunden. Jeder Satz ist für den Verlauf der Geschichte entscheidend, jedes Wort punktgenau platziert. Daher 5 Sterne und eine absolute Empfehlung. Da allerdings einige fragwürdige Inhalte moralisch undurchsichtig und unkommentiert bleiben, manche Beschreibungen sind extrem widerlich oder detailliert (aber nicht pietät- oder respektlos), würde ich den Roman erst ab 16 empfehlen.
Beatrice Buchholz (22) :: Redaktion Buecherkinder.de

Themen: Spannung