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Typisch Jungs? von Brami, Élisabeth, Kinderbücher, Vorlesen, Aus dem Leben, Humor

Typisch Jungs?

Brami, Élisabeth / Billon-Spagnol, Estelle

Übersetzung: Partzsch,

Rating Star

Erscheinungsjahr: 2016

Verlag: Gabriel

Empfohlen ab: 6 Jahre

ISBN: 9783522304290

Inhalt

Die beiden französischen Autorinnen Élisabeth Brami und Estelle Billon-Spagnol spielen mit Geschlechterstereotypen und Rollenklischees: In „Typisch Mädchen?“ und „Typisch Jungs?“ nehmen sie sich die tradierten Eigenschaften und Verhaltensweisen, Hobbys, Berufswünsche, Vorlieben und Talente beider Geschlechter vor – und brechen sie humorvoll.

Ihre schmalen Büchlein sind eine Erklärung der Mädchen- und Jungsrechte in 15 Artikeln. Die kurzen Deklarationen hat Estelle Billon-Spagnol mit comichaftem Strich in vielen kleinen szenischen Illustrationen umgesetzt. Sie zeigen: Ob Junge oder Mädchen, jeder hat das Recht auf eigene Persönlichkeit und Selbstbestimmung. So lautet Artikel 1 der Mädchenrechte: „Jedes Mädchen hat das Recht, schmuddelig, verstrubbelt, zerkratzt und wild zu sein.“ Und Artikel 9 der Jungsrechte erklärt: „Jeder Junge hat das Recht, Prinzessinnengeschichten, Gedichte oder Märchen zu lesen und im Kino zu weinen.“

Bewertung

Die Mutter, die verzweifelt versucht, ihrer Tochter die pinken Lackschuhe und den glitzernden Feenzauberstab auszureden, der Vater, der den Sohn tröstet, der gerade für seine Vorliebe für Barbie-Puppen ausgelacht wurde. – Kinder und Eltern sind rund um die Uhr mit der Geschlechterproblematik konfrontiert. Manche nehmen Rollenbilder an, andere kämpfen dagegen, gerade an dieser Frage zeigt sich, wie bunt und vielfältig das Leben ist.

 

Mit ihrem Buch „Typisch Jungs?“ sowie dem zugehörigen Gegenstück „Typisch Mädchen?“ greifen Élisabeth Brami und Estelle Billon-Spagnol typische Geschlechterklischees auf und kehren sie ins Gegenteil um, indem sie in diesem Falle den Jungs lauter Rechte zusprechen, die oftmals mit Mädchen assoziiert werden, also zum Beispiel mit Puppen zu spielen oder öffentlich zu weinen.

Erst einmal ist das eine nette und lustige Idee, um über Rollenbilder ins Gespräch zu kommen. Trotzdem bleiben da einige Fragen und Bauchschmerzen zurück. Zunächst einmal ist nach der Zielgruppe zu fragen. Das Buch richtet sich an Kinder ab 6 Jahren, die kleinteiligen, gelungenen und witzigen, Illustrationen haben jedoch starke Comicelemente und sind schwer vorzulesen. – Hier sollte also schon Lesekompetenz mitgebracht werden. Und dann ist da noch der Aufbau an sich. Wie sinnvoll ist es, gegen Rollenbilder anzuschreiben, indem man sie einfach nur widergespiegelt aufnimmt? Warum gibt es ein Buch für Jungen und eines für Mädchen? Sollte es nicht ein Buch für ALLE Kinder geben? Denn was heißt es, dass Jungen auf einmal leise sein dürfen? – Wäre es nicht besser, wenn sie laut UND leise sein dürfen? Je nachdem, wie es die Stimmung gerade braucht? Dass hier transgender-Kinder völlig ausgeklammert werden ist ein weiterer Kritikpunkt, den ein an alle Kinder gerichtetes Buch umgangen hätte. Durch ihre Zweiteilung entziehen sich Autorin und Illustratorin sozusagen selbst den Boden.

Schade ist auch, dass zwar am Anfang ein Zitat aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte abgedruckt ist, auf die UN-Konvention der Kinderrechte aber gar nicht verwiesen wird. Hier wird einiges an Potential verschenkt, zumal eben die Frage ist, ob Kinder den Duktus eines Rechtekatalogs so kontextlos überhaupt verstehen und damit der Witz in voller Tiefe bei ihnen ankommt.

 

Fazit: „Typisch Jungs?“ ist eigentlich eine witzige Idee und sicherlich als Gesprächseröffner zum Thema Gender prima zu nutzen. Für ein dezidiert pädagogisch ausgerichtetes Buch hat es eine angenehme Lockerheit und ansprechenden Witz, gerade dank der Illustrationen von Estelle Billon-Spagnol. Für manche Jungen, eben die, die gerne mit Puppen spielen und dafür verlacht werden, ist dieses Buch möglicherweise sogar ein Trost. Voll überzeugen aber kann es nicht.

 

Saskia Geisler :: Redaktion Buecherkinder.de
 

Themen: Aus dem Leben, Humor