Jugendbücher  >  Aus dem Leben
Und auch so bitter kalt von Schützsack, Lara, Jugendbücher, Aus dem Leben, Problemthemen

Und auch so bitter kalt

Schützsack, Lara

Rating Star

Erscheinungsjahr: 2013

Verlag: Fischer KJB

Empfohlen ab: 12 Jahre

ISBN: 9783596856190

Inhalt

Dies ist die Geschichte von Lucinda. Lucinda ist schön, lebenshungrig und leuchtet wie ein Stern. So hell und so schön und gleichzeitig Lichtjahre entfernt. Lucinda scheint in einer anderen Welt zu leben, nach eigenen, erbarmungslosen Regeln. Wer Lucinda liebt, muss ertragen, ihr niemals richtig nah sein zu können. So sind Sterne eben. Und manchmal fallen sie vom Himmel und verglühen. Einfach so.

Bewertung

"Und auch so bitterkalt" ist die Geschichte von Lucinda. Sie ist besonders. Unbeschreiblich. Kühl. Poetisch. Fantasievoll. Malina ihr Schwester bewundert sie und erzählt deren Geschichte aus ihrer Sicht. Gemeinsam reisen sie in den Nächten unterm Sternenhimmel in das Land namens Tenebrien, das Lucinda für sie mit ihrer Fantasie erschafft. Doch Malina muss zuschauen wie ihr großes Vorbild beginnt dahin zu schmelzen. Die Dunkelheit in ihr nimmt immer weiter zu und keiner kommt mehr an Lucinda heran. Sie ist allem überlegen und so weit entfernt wie Tenebrien. Auch Nachbarsjunge Jarvis, mit dem sie manchmal im Keller verschwindet kann das nicht mehr retten.
Dieses Buch ist schockierend, erschütternd und so unglaublich ehrlich. Es ist wie ein Schnappschuss, der genau die passende Stimmung einfängt. Poesie küsst Melancholie, so könnte man es beschreiben. Nie ist irgendetwas offen oder klar, alles wird wie durch Milchglas, durch dichten Nebel gesehen das ist auch gut so. Schon auf Distanz ist es so wahnsinnig traurig und packend, wie wäre es dann aus der Nähe erst? Wenn dieses Geschichte etwas nicht ist, so ist es flach. Sie geht bis tief unter die Haut, kriecht in einen hinein und wird den Leser wohl nie mehr so ganz loslassen. Zum ersten Mal habe ich ein Buch zum Thema Magersucht gelesen, das frei von Klischees und so treffend war. Das dieses Gefühl so authentisch einfing und das wirklich für JEDEN lesenswert ist. Es fesselt, selbst wenn man nichts etwas mit dem Thema zu tun hat, denn es ist nicht darauf reduziert, viel mehr ist das so eine Nebenhandlung, es ist eben nur diese distanzierte Beobachtung von Malina, die all das gar nicht so ganz begreifen zu scheint. Es ist nicht eines „dieser“ Magersuchtbücher die es haufenweise in jeder Jugendbuchabteilung gibt, die einfach nur schildern was man eigentlich weiß und die sich einzig und allein darauf fixieren.
Es hat mich gepackt, weil es ungeschmückt ehrlich ist. Weil es etwas von dieser mit frostüberzogenen Gefühlswelt einfängt und trotzdem einen unglaublich weiten Blickwinkel hat. Mir gefällt, dass die kleine Schwester Malina es erzählt, denn der Abstand tut gut, es ist einfacher, nicht den direkten Einblick in die wirren und gefesselten Gedanken Lucindas zu haben und angenehm, auch mal die Tür zu ihrem Zimmer schließen zu können. Außerdem mag ich es wie Malina diese unfassbare Situation erfasst. Meine Lieblingsstelle ist die, an der sie beschreibt, warum Lucinda nicht mehr zum essen kommt: "Es ist, weil sie die Geräusche nicht erträgt, das Kauen und Schmatzen, das Schlucken, das Zischen der Kohlensäure, wenn man den Deckel der Wasserflasche öffnet, will ich erklären, aber mein Mund bleibt geschlossen. Sie kann es nicht mehr hören, das Geräusch, wenn man Wurst aufs Brot legt, Isas Unterkiefer, wenn er beim Essen knackt, Frieders Messer, das über den Teller rutscht. Es macht sie traurig. Weil sie mehr vom Leben erwartet. Kein leises Summen, sondern ein Dröhnen, kein stetes Licht, sondern ein Blitzgewitter, und immer soll da ein Brennen sein auf der Haut und ganz tief drinnen, damit wir spüren, dass wir am Leben sind." Das ist die Geschichte von Lucinda, die wie sie selbst sagt, zu etwas Besonderem werden sollte und sich auf dem Weg dorthin in der Magersucht verirrt, der Welt in die all jene flüchten, die das Besondere brauchen wie die Luft zum atmen, und schließlich nur noch eine unter Tausenden sind.
Es ist so klar und reduziert geschrieben wie auch die Geschichte ist, ein einziger Satz, eine einzige Farbe genügen um eine ganze Seite und mit ihr eine ganze Gefühlswelt zu füllen. Die Leichtigkeit ist so unendlich schwer, dass man manchmal das Gefühl hat in all der Traurigkeit zu ertrinken und trotzdem ist es so wunderschön. Man sinkt gemeinsam mit Lucinda immer tiefer und tiefer, bis alles endet und man wieder auftauchen muss, mit ihr oder ohne sie.
5 Sterne für ein grandioses, fesselnd, ehrliches und fantasievolles Buch. Eindeutig ein neues Lieblingsbuch.
Elisa Lehmann (15) :: Kinder- und Jugendredaktion Buecherkinder.de

Themen: Problemthemen