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Vater und Tochter von Dudok de Wit, Michael, Bilderbücher, Zum Vorlesen, Aus dem Leben, Tod & Trauer

Vater und Tochter

Dudok de Wit, Michael

Übersetzung: Esterl, Arnica

Rating Star

Erscheinungsjahr: 2015

Verlag: Verlag Freies Geistesleben

Empfohlen ab: 5 Jahre

ISBN: 9783772526978

Inhalt

Abschied, Schmerz, Freundschaft, Liebe, eigene Kinder, Abschied – Der Deich ist geblieben, aber das Wasser ist verschwunden … Wo Wasser war, wächst jetzt Schilf … Etwas hat sich gewandelt. Michael Dudok de Wit erzählt in knappen Worten und genial einfachen, bewegten, eindrucksvollen, warmen Bildern die Geschichte von Leben und Tod und allem, was dazwischen liegt.

Bewertung

Dem Buch liegt der wunderschöne, 2001 mit einem Oscar ausgezeichnete Kurz-Animationsfilm „Father and Daughter“ zugrunde. Die Buchversion wurde auf das Wesentliche komprimiert und - im Gegensatz zum Film, in welchem allein die eindringlichen Bilder sprechen - mit einem bildbegleitenden Text versehen. Man mag darüber diskutieren, ob der Text wirklich vonnöten ist, um die Aussagekraft der Bilder zu unterstreichen. Hilfreich kann er insbesondere dann sein, wenn das Buch gemeinsam mit Kindern betrachtet wird, zumal er sich auf jeweils wenige Worte beschränkt und ebenso sachlich wie behutsam formuliert ist und damit ausreichend Freiraum für eigene Gedanken zulässt.

 

Das analog zur Innengestaltung überwiegend in warmen Brauntönen sowie in Schwarz und Weiß gehaltene, Hell-Dunkel-Kontraste betonende Titelbild zeigt eine weite Landschaft, die mittig durch einen sich auf den Horizont hinzubewegenden Weg, auf dem zwei Menschen - dem Titel nach Vater und Tochter - laufen, getrennt wird und der sich ins wolkenverhangene Unendliche zu verlieren scheint.

Auf der Buchrückseite erscheint nur noch der umwölkte Horizont ohne die beiden Figuren. Interessant ist die Wahl des Einsatzes eines besonderen gestalterischen Mittels in Form der Einbeziehung der Vorsatzseiten, wodurch der Betrachter unmittelbar mit dem Aufschlagen des Buches in dessen Geschehen gezogen wird.

Im sich an die Filmvorlage anpassenden Querformat werden die wesentlichen Filmsequenzen im Buch eingefangen, wobei sich ein Vorteil der Buchform darin erweist, dass das Verweilen des Blickes und der Gedanken des Betrachters - durch den Wechsel des Mediums bedingt - ungleich länger und ganz nach dem individuellen Bedürfnis ermöglicht wird.

 

Erzählt wird eine wunderbar poetische Bildgeschichte, die anhand einer Vater-Tochter-Thematik existenzielle Kategorien des Lebens wie Liebe, Schmerz, Hoffnung, Abschied und Wandlung aufgreift und dies in einer derart überwältigenden Weise, dass es den Betrachter zu Tränen rühren kann: Aus der Sicht der Tochter wird auf wenigen Buchseiten ein ganzes Leben - Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Alter - erzählt, dessen ganze Sehnsucht und Hoffnung vom viel zu frühen, tragischen Verlust des Vaters bestimmt wird. Gemeinsam radeln Vater und Tochter zum Deich am Meer, wo sie sich, ohne zu wissen, dass es ein Abschied für immer sein wird, voneinander trennen. Der Vater steigt in ein Boot, vielleicht, um zum Fischen zu fahren, die Tochter bleibt allein, ihm mit ihren Blicken folgend, bis er als Punkt am Horizont verschwindet, zurück und wartet ... bis die Sonne untergeht. Allein begibt sie sich auf den Heimweg, das Fahrrad des Vaters bleibt an einen Baum gelehnt zurück. Jahr für Jahr zieht es die Tochter immer wieder an diesen Ort zurück, der für sie ein Sinnbild des unfassbaren Verlustes ist. Der Baum, an dem einst das Rad des Vaters lehnte, wird immer größer, ebenso wie die Sehnsucht der Tochter und ihre Hoffnung auf seine Rückkehr, die sie nicht aufzugeben vermag.

Es gibt mehrere Zeitsprünge, welche die Lebensstationen des kleinen Mädchens von damals markieren: Als junges Mädchen radelt sie mit ihren fröhlich ausgelassenen Freundinnen dorthin, später mit dem Freund und ebenso mit ihm und den gemeinsamen Kindern. Gedankenverloren steht sie ein wenig abseits, während der Vater der Kinder mit diesen ausgelassen über den Deich tobt. Es scheint, als ob sie trotz des offensichtlichen Familienglücks nie ganz glücklich werden kann. Als alte Frau, deren Kinder längst erwachsen geworden sind, kehrt sie wiederum allein an ihren Sehnsuchtsort zurück. Inzwischen gibt es dort kein Wasser mehr. Gebrechlich und krumm ist sie geworden. Sie legt das Fahrrad in den Sand, steigt mühevoll den Deich hinab und läuft dahin, wo früher das Wasser war und jetzt das Schilf wuchert, wie von einer plötzlichen Eingebung getrieben, immer weiter, bis sie eine freie Stelle erreicht …

 

Und da ist sie, die Gewissheit, wonach sie ihr Leben lang gesucht und sich doch nicht zu finden getraut hat: Ein Boot, halb schon im Sand versunken. Sie legt sich hinein und eine wohltuende Ruhe breitet sich aus, bevor sie im Traum eine Verwandlung wahrnimmt. Nun ist sie noch einmal die junge Frau, die aufsteht und losrennt, bis das ein Leben lang erhoffte Wunder geschieht: dem geliebten Vater noch einmal begegnen, ihn in die Arme schließen zu dürfen. Es ist ein Bild des Friedens. Sinnbildhaft lang sind die Schatten der beiden Figuren im Schlussbild des Buches und vermögen auf ebenso berührende wie tröstliche Weise die Botschaft dieser selten schönen Geschichte, die mitten ins Herz trifft, zu vermitteln. Ein Opus der unendlichen Liebe!


Hanna Nebe-Rector (malkastl.de) :: Redaktion Buecherkinder.de

Themen: Aus dem Leben, Tod & Trauer