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Was fehlt, wenn ich verschwunden bin

Lindner, Lilly

Rating Star

Erscheinungsjahr: 2015

Verlag: Fischer

Empfohlen ab: 14 Jahre

ISBN: 9783733500931

Inhalt

April ist fort. Seit Wochen kämpft sie in einer Klinik gegen ihre Magersucht an. Und seit Wochen antwortet sie nicht auf die Briefe, die ihre Schwester Phoebe ihr schreibt. Wann wird April endlich wieder nach Hause kommen? Warum antwortet sie ihr nicht? Phoebe hat tausend Fragen. Doch ihre Eltern schweigen hilflos und geben Phoebe keine Möglichkeit, zu begreifen, was ihrer Schwester fehlt. Aber sie versteht, wie unendlich traurig April ist. Und so schreibt sie ihr Briefe. Wort für Wort in die Stille hinein, die April hinterlassen hat.

Bewertung

Seit ihre Schwester April in einer Klinik für magersüchtige Jugendliche ist, ist Phoebes Leben nicht mehr ganz. Denn ihr Vater ist ohne April nur noch halb, ihre Mutter ist nur noch halb und sie selbst ist nur noch ein ganz kleines Stück sie selbst ohne ihre große Schwester, die sich in der Klinik langsam aber sicher in den Tod hungert. Denn ihr Vater entflieht so oft er nur kann in sein Büro, ihre Mutter backt haufenweise Torten, die sie dann an die Nachbarschaft verteilt, da weder ihr Mann noch ihre jüngere Tochter diese Mengen verschlingen können.

Und Phoebes Leben beginnt langsam aber sicher nur noch aus Worten zu bestehen. Aus Worten, die sie in Briefen schreibt, an ihre Schwester April. Denn diese Briefe sind alles, was ihr von ihrer großen Schwester, ihrer anderen Hälfte, noch bleiben. Den Kontakt zu ihr haben ihr nämlich ihre Eltern verboten. Denn diese befürchten, dass auch Phoebe von dem Einfluss ihrer Schwester zur Magersucht getrieben werden könnte, dass auch sie sich langsam aber sicher verlieren könnte, so wie es April schon lange getan hat.

Sie fing mit neun Jahren an nicht mehr mit ihren Eltern zu reden. Denn ihre Eltern hörten ihr sowieso nicht zu. Von ihnen bekam sie immer zu hören, dass sie sich benehmen soll, wie ein ganz normales Kind, nicht wie ein Wortungeheuer. Denn April stellte Fragen, die nicht altersgemäß waren. Sie erforschte die Sprache. So, wie es nun auch ihre jüngere Schwester, Phoebe, tut. Jedoch ist auch Phoebe nicht mehr, wie andere Kinder in ihrem Alter. Sie schreibt ewige Aufsätze, denn auch sie hat gelernt, Worte perfekt zu verbinden, zu Sätzen zu formen. Und mit diesen kann sie sich perfekt ausdrücken...

 

In „Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ schreibt Lilly Lindner über die Geschichte zweier Schwestern, die sich gegenseitig mit Briefen mitteilen, den Brief der anderen jedoch erst zum Ende der Geschichte erhalten. So ist der erste Teil des Buches aus der Sicht der neunjährigen Phoebe geschrieben, die ihrer magersüchtigen Schwester versucht beizubringen, was ohne sie alles fehlt und wie sehr sie sie braucht. Im zweiten Teil des Buches ist die Geschichte von April zu lesen. Diese schreibt von ihrem Leben in der Klinik, jedoch auch von Ereignissen vor ihrer Krankheit. Sie schreibt, dass der nagende Schmerz in ihrem Bauch immer noch besser ist, als die Einsamkeit in ihrem Kopf, die sie als Kind fühlte, obwohl sie zwei Eltern hatte. Zwei Eltern, die mit den Fragen ihres Kindes nicht klarkamen. Die sich nie über eine Tat ihrer Tochter gefreut haben, weil diese nicht „normal“ war. Die nie ein nettes Wort zu ihr gesagt haben. Jedoch war April wirklich nicht normal. Sie war hochbegabt. Eine Situation, mit der ihre Eltern ganz und gar nicht umgehen konnten. Und die sie schließlich soweit führte, dass sie ihre Tochter unbewusst in die Magersucht geführt haben.

 

Auf knapp 400 Seiten schreibt Linder über das verhängnisvolle Problem einer Familie, die sich nicht zu helfen weiß, die mit ihrer Situation ganz und gar überfordert ist. Die Briefe der zwei Schwestern sind mit vielen Wortspielen sehr ergreifend, lebensnah und teilweise auch witzig verfasst. Lindner bringt die Geschichte sehr literarisch auf den Punkt, schildert ausführlich die Gefühle und die Verfassung der beiden Schwestern, lässt jedoch auch ein paar Fragen ungeklärt.

Das Cover des Buches zeigt auf blauem Hintergrund den weißen Titel. Das „Ich" ist von vielen weg fliegenden Tauben gestaltet. Dies finde ich sehr passend, denn es bringt zum Ausdruck, wie sich April langsam aber sicher selbst verliert.

 

Ich empfehle das Buch an alle begeisterten Leser sowie allen Sprachbegeisterten. Denn ein großer Teil des Buches beschäftigt sich, ganz nebenbei in die Geschichte gepackt, mit der Sprache und der Schrift. Und vergebe 5 Sterne an ein Buch über zwei Geschwister, die sich gegenseitig versuchen mit ihren Briefen zu retten.


Lisa Fehr (17) :: Kinder- und Jugendredaktion Buecherkinder.de

Themen: Alltag & Familie, Problemthemen