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Wie sehr schmerzt der Tod? Bilderbücher über Tod, Verlust und Trauer

„Manchmal bekomme ich eine richtige Wut deswegen. Dann sage ich mir: ‚Was fällt ihm ein, einfach so zu sterben? Was fällt ihm ein, mich so traurig zu machen?‘“

So erzählt Michael Rosen in seinem Bilderbuch „Mein trauriges Buch“. Starke Worte mit ebenso eindrucksvollen Illustrationen von Quentin Blake liest man in diesem Kinderbuch für ab 5-Jährige.

Mein erstes Kinderbuch zum Thema Tod, Trauer und Verlust hielt ich im Frühjahr in den Händen. Ich kann mich noch recht genau erinnern, wie ich beim Lesen von Kai Lüftners „Für immer“ schlucken musste. Sein Bilderbuch erfuhr letztes Jahr viel Beachtung. Ich nahm es zwar am Rande wahr, denn schließlich tauchte es in meiner Internetblase immer wieder an verschiedenen Stellen auf, aber in den Händen hielt ich es erst viel später. Ich war mit der Zeit immer neugieriger auf das Kinderbuch geworden, dass bei diesem hochemotionalen Thema so viel gelobt wurde und schließlich als eines der ganz wenigen Kinderbücher sogar im Fernsehen zur besten Abendzeit vorgestellt wurde.

Was braucht ein gutes Kinderbuch über Tod, Trauer und Verlust? Soll es pädagogisch sein? Soll es erklärend sein? Gibt es überhaupt Möglichkeiten, variiert darüber zu erzählen? Und sind alle Bilder dann grau oder sogar schwarz?

Seit Kai Lüftners „Für immer“ habe ich mehrere Bilderbücher dazu in der Hand gehabt. Mir öffnete sich eine facetten- und abwechslungsreiche, literarische Welt, die weitab von gängigen Klischees sich bewegt. Ein paar von ihnen möchte ich hier vorstellen.

"Mein trauriges Buch" von Michael Rosen. Foto: Wenke Bönisch

„Mein trauriges Buch“ von Michael Rosen. Foto: Wenke Bönisch

Hinter manchem Bilderbuch steckt viel eigenes Erleben. Autobiographische Elemente in einem Kinderbuch über den Tod? Ja, das zu Beginn erwähnte Bilderbuch „Mein trauriges Buch“ von Michael Rosen (Verlag Freies Geistesleben 2014, ab 5 Jahre) steht beispielhaft dafür. Rosen verlor seinen 19-jährigen Sohn an Meningitis. Seine Erfahrungen, seine Emotionen hielt der bekannte Kinderbuchautor in dem Buch fest. Mit direkten Worten erzählt Rosen über seine facettenreichen Empfindungen, die von Wut, über Trauer, Angst, Einsamkeit, Gemeinheit, Ausgeschlossenheit von den anderen und bis zur Hilflosigkeit gehen. Rosen zeigt, wie er trauerte, wie er versuchte, Lebenshoffnung zu finden. Er zeigt es persönlich, als seinen Weg, nicht als pädagogische Erklärung. Es wirkt lebensnah, ungeschönt und bietet trauernden Kindern einen guten Spiegel. Nicht nur Rosens klare Worte wirken tief, sondern auch Quentin Blakes scheinbar schnell hingekritzelte Bleistiftzeichnungen, die mehr das Ganze als die Einzelheiten einfangen. Noch mehr staunt man, wenn man Fotos des Autors mit den Illustrationen vergleicht: Es sind treffsichere Porträts, die die Stimmung der Erzählung ganz genau einfangen.

"Für immer" von Kai Lüftner. Foto: Wenke Bönisch

„Für immer“ von Kai Lüftner. Foto: Wenke Bönisch

Anders als das von grau dominierte „Mein trauriges Buch“ erscheint Kai Lüftners „Für immer“ (BELTZ 2013, ab 5 Jahre), das ebenfalls einen autobiographischen Anlass hat und für ab 5jährige empfohlen wird. Es ist auffällig in seiner ganzen Machart. Zum einen kommt es vierfarbig daher. Zum anderen verdichtet der Autor Kai Lüftner Egons Geschichte um den Tod seine Vaters in ganz kurzen, knappen Sätzen, die aber sprachlich alle Emotionen auf einen Punkt verdichten. Es ist wirklich hohe Kunst! Zudem zeigt Lüftner schonungslos die Hilflosigkeit der Anderen in so einer Situation auf. Manchmal schmerzt es fast schon körperlich beim Lesen, wenn man in diesen Spiegel schaut.

Der autobiographische Anlass von „Für immer“ erfährt man erst bei näherer Beschäftigung mit Lüftners Leben. Er verlor seine Kinder als Babies. Dass sie dennoch Teil seiner Familie sind, dass von ihnen ein Teil in dem nachgeborenem Kind steckt, drückt er mit seinem tief berührenden Bilderbuch aus.

"Das Mädchen unter dem Dohlenbaum" von Riitta Jalonen. Foto: Wenke Bönisch

„Das Mädchen unter dem Dohlenbaum“ von Riitta Jalonen. Foto: Wenke Bönisch

Um den Verlust eines Elternteils geht es auch in dem Bilderbuch „Das Mädchen unter dem Dohlenbaum“ der finnischen Autorin Riita Jalonen (Hanser Verlag 2007, ab 5 Jahre). Das namenslose Mädchen erlebt die Tage nach dem Tod ihres Vaters an dem Baum, auf dem die Dohlen schlafen, während sie auf ihre Mutter wartet. Starke Worte, die einen fast zum Weinen bringen, findet Jalonen:

„Niemand kann die Stelle sehen, wo es am meisten wehtut, wenn man jemanden vermisst. Mama hat auch so eine Stelle. Ich hab auf ihrem Schoß gesessen, und sie hat es mir erzählt. Ich hab nichts gesagt, nur zugehört. Wenn ich auf ihrem Schoß sitze, wird die Stelle, die niemand sehen kann, kleiner.“

Symbolhaft spielt die Dohle als schwarzer Vogel in dem Bilderbuch eine wichtige Rolle. Sie trägt die traurige Stimmung, wenn sie in uns Erinnerungen an graue Herbst- oder Wintertage hochkommen lässt.

"Erik und das Opa-Gespenst" von Kim Fupz Aakeson Foto: Wenke Bönisch

„Erik und das Opa-Gespenst“ von Kim Fupz Aakeson Foto: Wenke Bönisch

Einen ganz anderen Weg zur Themenbearbeitung geht Kim Fupz Aakeson in seinem Bilderbuch „Erik und das Opa-Gespenst“ (Gerstenberg Verlag 2014, ab 4 Jahre). Er verknüpft das Todeserlebnis und die Trauerverarbeitung mit einer Gespenstergeschichte, die er nicht schreckhaft-düster, sondern warmherzig-mitfühlend gestaltet. Eriks Opa ist plötzlich verstorben und erscheint ihm in der Nacht als Gespenst. Das Opa-Gespenst muss erst noch etwas wichtiges erledigen, bevor es seine Ruhe findet. Beide machen sich nun auf den Weg.

Deutlich zeigt Aakeson auf, wie abstrakt sowohl die Himmels- als auch die biologische Verwesungsvorstellung für die Kinder ist. Er versucht den Kinder seine Antwort auf die Frage zu geben, was nach dem Tod passiert. Auch wenn die Szenen in der Nacht spielen, so hat Eva Eriksson, die Illustratorin, sie mit freundlichen Farben illustriert, die viel Wärme ausstrahlt, die tiefe Bindung zwischen Erik und seinem Opa verdeutlicht und insgesamt den Buch sehr gut tut.

"Nie mehr Wolkengucken mit Opa?" von Martina Baumbach. Foto: Wenke Bönisch

„Nie mehr Wolkengucken mit Opa?“ von Martina Baumbach. Foto: Wenke Bönisch

Traditionen wie das Gedenken an den Toten in der Kirche, der blumengeschmückte Sarg, das Begräbnis auf dem Friedhof oder das Leichenschmaus sind Haltepunkte bei einem Todesfall. Martina Baumbach erzählt diese Schritte in ihrem Bilderbuch „Nie mehr Wolkengucken mit Opa?“ (Gabriel Verlag 2014, ab 5 Jahre). Szenenhaft ist der Plotaufbau. Beeindruckend die sehr realitätsnahe Bebilderung von Verena Körting. Die Figuren und ihre Gefühle macht sie gut sichtbar. Sofort erkennt man die Trauer der Mutter, wenn sie ihre Schultern hängen lässt und das Haar ins Gesicht fällt.

Das Licht spielt in den Abbildungen eine besondere Rolle. Die fröhliche Helligkeit beim sommerlichen Wolkenschauen mit dem Opa, das Novembergrau bei der Beerdigung, die frische Kälte am Strandausfllug, der die Familie die nötige Ruhe gibt. Zudem lässt Körting dem Raum viel Platz. Manchmal saugen sie sogar beim Betrachten in das Bild hinein.
Am Ende des Kinderbuches gibt Baumbach betroffenen Kindern und Eltern Tipps zum Trauern. Ihre Kernaussage ist letztlich, dass jeder seinen eigenen Trauerweg finden muss und Trauer in vielerlei Gestalt daher kommt. Pädagogisch geprägt widmet sich die Autorin also dem Thema Tod.

"Der Baum der Erinnerung" von Britta Teckentrup. Foto: Wenke Bönisch

„Der Baum der Erinnerung“ von Britta Teckentrup. Foto: Wenke Bönisch

Dass der Tod zum Leben dazu gehört, trotz Trauer nicht schreckhaft sein muss, sondern durch liebevolle Erinnerungen überwunden wird, zeigt Britta Teckentrup in „Der Baum der Erinnerung“ (arsEdition 2013, ab 4 Jahre).

Ein alter Fuchs stirbt nach einem glücklichen Leben an seinem Lieblingsort. All seine Freunde aus dem Wald versammeln sich dort und erinnern sich an ihn. Mit jeder Erinnerung wächst der rote Baum.

Warm, sanft und auch ruhevoll erzählt Teckentrup die Geschichte und hebt sich so von den anderen Büchern sehr ab. Es ist eben die Normalität des Sterbens, das als Ausgangspunkt für eine Bildergeschichte einfach mal gut tut. Ebenso erfrischend wie die Geschichte sind die Illustrationen, die eine moderne Verbindung zwischen realitätsnaher und manchmal schablonenhafter Gestaltung bilden. Das Kalte des Todes wird nicht durch grau oder schwarz dargestellt. Nein, es ist der Winter, der diese Hintergrundfolie bildet – völlig unaufdringlich. Alle anderen Details sind farbig, die Erinnerung ganz passend sogar fröhlich-heiter. Geschickt schafft Teckentrup die Verbindung zwischen der erzählenden Figur und der bildlichen Darstellung der Erinnerung. Letzterem gibt sie viel Platz. Genial hat sie den Baum der Erinnerung gestaltet. Sofort erkennen die Kinder an der Farbe die Verbindung zum Fuchs.

Heutige Bilderbücher zu Tod, Verlust und Trauer sind in ihrer Herangehensweise vielfältig und facettenreich. Natürlich wird immer wieder das Unfassbare und Endgültige an dem Tod in den Mittelpunkt gerückt. Aber es findet seinen Ausdruck nicht in Stereotypen. Vielmehr versuchen die Autoren für die Kinder Worte zu finden, die in ihrer Klarheit und Direktheit auch so manchen Erwachsenen gut tun würden. Denn für die Hinterbliebenen ist das Nichtausdrücken oft noch verschlimmernder, als die klare Benennung der Geschehnisse und Emotionen, erst recht für Kinder. Und noch eines wird bei der Betrachtung der Kinderbücher klar: Kindern wird ihr eigener Trauerweg zugestanden. Sie werden dazu ermutigt.

Vielleicht sind diese Bilderbücher nicht nur für Kinder geeignet, sondern würden auch so manchem Erwachsenen helfen.

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Rabaukenbandenchefin, die mit ihren Kindern täglich gerne in die Welt der Kinderbücher abtaucht. Mitglied der Bilderbuch-Redaktion von Buecherkinder und auch mit eigenem Blog unterwegs: http://kinderbibliothek.blogspot.de/

3 Kommentare

  1. Hermien Stellmacher sagt

    Ich möchte euch noch eines empfehlen – ja, es kommt aus meiner Feder:
    „Nie mehr Oma-Lina-Tag“. Ist bei Gabriel erschienen.

    Herzliche Grüße, Hermien Stellmacher

  2. Roswitha Keiser sagt

    In einem anderen Zusammenhang habe ich gerade das Bilderbuch „Ente, Tod und Tulpe“ kennen gelernt. Ich bin sehr froh, dass es hier nicht auftaucht, ist finde es absolut ungeeignet. Hat jemand eine Meinung dazu?

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