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„Das alte Haus“ oder Kann man ein Buch von seinem Autor trennen?

Obwohl meine Kinder schon lange selbst lesen, haben wir uns von den liebsten Vorlesebüchern selbstverständlich nicht getrennt. Und so stehen „Die Geschichten von der Maus für die Katz“, „Latte Igel“ und „Das alte Haus“ einträchtig nebeneinander im Regal. Besonders die Märchen aus letzterem haben uns viele Jahre begleitet und oft habe ich die fantasievollen Geschichten der Großmutter und ihren drei Tieren Bautz, Krahks und Murks weiterempfohlen. Gerade erst ist im Kerle Verlag eine weitere Neuauflage des Klassikers von 1923 erschienen, die – noch ohne Wertung – auf der Buecherkinder-Seite zu finden ist.

Gestern erreichten mich dann auf Twitter u.a. folgende Tweets:

Ich muss gestehen, dass ich mich selten bis nie mit den Lebensläufen von Autorinnen und Autoren beschäftige sondern mit den Geschichten, die sie verfassen. Aber kann/darf/muss man den Autor und sein Werk getrennt betrachten, oder nicht? Und darf ich die Geschichten von Wilhelm Matthießen, der bekennender Nationalsozialist war und dessen Hintergrund auch der Verlag in der Vita nicht verschweigt, empfehlen oder nicht?

Wilhelm Matthießen

Wilhelm Matthießen wurde 1891 in der Eifel geboren. Er studierte Philosophie, promovierte auch in diesem Fach und widmete sich schon früh dem Schreiben. Neben Erich Kästner ist er der meistgelesene Kinder- und Jugendbuchautor der 1930er-Jahre. Wilhelm Matthießen starb 1965 und hinterließ so erfolgreiche Kinderbücher wie »Das rote U« oder »Das alte Haus«.
Matthießen war jedoch nicht nur Verfasser von zeitlosen Kindermärchen und Jugendbüchern, sondern auch bekennender Nationalsozialist und veröffentlichte völkische und antisemitische Schriften. Von dieser Gesinnung ist in seinen Kinderbüchern nichts zu spüren. In seiner Person zeigt sich die weltanschauliche Radikalität und Doppelgesichtigkeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland.

Quelle: Kerle Verlag

Als ich das Buch vor knapp 10 Jahren mit meinen Kindern las, war mir der antisemitische Hintergrund des Autors nicht bekannt, ich habe mich also nicht bewusst FÜR das Buch entschieden. Aber wie würde ich heute verfahren? Und zurück zur obigen Frage, darf ich das Buch empfehlen auch wenn ich heute die politische Gesinnung des Autors kenne?

Und wie verhält es sich mit Autoren in diesem Jahrhundert, die sich beispielsweise durch homophobe oder rassistische Bemerkungen disqualifizieren. Entwertet das zugleich ihr Werk, auch wenn dieses frei von diffamierendem Inhalt ist? Hat ein Buch, wenn es die inhaltliche Qualitätsprüfung durch Lektorat und Verlag passiert hat und erschienen ist, nicht das Recht, fair besprochen zu werden? Ob wir es nun kaufen oder lesen liegt schließlich immer noch in unserer Hand!

Wie ist eure Meinung zu diesem – wie ich finde – äußerst spannenden und vielschichtigen Thema?

dasaltehaus

Innentitel der 19. Auflage von „Das alte Haus“

 

Kategorie: Bücherregal

von

Seit über 10 Jahren betreibe ich die Webseite Buecherkinder.de. Ich bin leidenschaftliche Netzwerkerin (online wie offline), Jurymitglied des “Leipziger Lesekompass” und schreibe regelmäßig für die Fachzeitschrift “Eselsohr”. Obwohl technikaffin lese ich zur Zeit noch am liebsten Bücher der Holzklasse.

9 Kommentare

  1. Mir hängt die Frage noch immer nach und ich denke, dass man sie so pauschal auch gar nicht beantworten kann. Es gibt Bücher, wie beispielsweise Das alte Haus, die einem beim Lesen soviel Freude machen, und einem wunderbare Lesestunden mit den Kindern bescheren, dass man sie einfach nicht mehr missen möchte. Ich habe das Buch vorher Wertgeschätzt und tue es auch jetzt. Aber ich werde es eben nicht mehr uneingeschränkt weiterempfehlen, sondern auf die Vita des Autors hinweisen.
    Was für mich bei Kinderbüchern auch eine große Rolle spielt, ist das Vermitteln der Lesefreude und der Bezug zu den Büchern. Irgendwann sind die Kinder so alt, dass sie Tatsachen selber recherchieren können um eigenständig zu entscheiden, ob sie die Bücher nun lesen oder nicht.
    Für mich gibt es kein eindeutiges Ja oder Nein. Gute Bücher sollen weiterhin Bestand haben, aber eben nicht um mit dem Erlös Gruppen, Vereine, etc. zu finanzieren. Dann kann ich gut und gerne darauf verzichten. Wenn mir so etwas also bekannt ist, meide ich solche Bücher. Ich werde aber nach wie vor nicht jeden Autor recherchieren, um zu prüfen, ob ich das Buch nun lesen kann oder nicht.

    Eine pauschale Vorgehensweise, wie ich denn nun mit derlei Büchern verfahre, wird es nicht geben.

    Ich lasse Dir ganz liebe Grüße hier und wünsche ein fabelhaftes Wochenende
    Nina

    • Stefanie Leo sagt

      Liebe Nina,
      eine pauschale Vorgehensweise wird es wohl nie geben können, aber der Hinweis auf die Vita des Autors sollte sicher erfolgen.
      Danke für deine Rückmeldung und auch dir ein schönes Wochenende
      Steffi

  2. Ich finde, man kann das unmöglich pauschalisieren. Würde ich zu jedem Buch erstmal den Autor googeln, hätte ich keine Zeit mehr, sie tatsächlich zu lesen – ganz zu schweigen davon, dass kaum noch Bücher übrig bleiben würden, die ich lese könnte, weil sich wohl bei sehr vielen was finden lassen würde, dass mir nicht gefiele.
    Hinzu kommt, dass es mir persönlich sehr schwer fällt, mir etwas zu verbieten. Schokolade macht dick und davon kriegt man Pickel? Aber sie schmeckt so gut!
    Ich hab mich, als die Diskussion um Sanderson aufkam, zunächst schuldig gefühlt, weil ich seine Bücher mochte. Aber wollte ich tatsächlich einen homophoben Autor in seinen Ansichten bestätigen, in dem ich seine Bücher kaufe? Ich hab seinen Artikel zu Dumbledore gelesen (der, der die ganze Diskussion ins Rollen gebracht hat) – ganz – und hab eigehend darüber nachgedacht, was er eigentlich gesagt hat. Dann habe ich darüber nachgedacht, ob seine Bücher tatsächlich ein Sprachrohr seiner Ansichten sind oder ob seine persönlichen Ansihten mit seinen Geschichten etwas zu tun haben. Das war für mich nicht der Fall. Bei dem von dir angesprochenen Buch würde ich ähnlich verfahren. Hinzu kommt, dass der Autor bereits tot ist – du wirst seine Ansichten also auch durch ein weites Boykott der Bücher nicht verändern.
    Für mich gibts abschließend zwei Alternativen nach denen man verfahren kann, wenn man solche Bücher bespricht:
    Entweder man stellt klar, dass man Autor und Buch generell voneinander unabhängig betrachtet, oder man weist darauf hin, dass es eben kritische Punkte zum Autor gibt – als Info für die Menschen, die darauf wert legen. Letzteres halte ich für die beste Variante.
    Du hast es vorher nicht gewusst und mochtest das Buch. Jetzt weißt du es und fühlst dich schlecht oder betrogen oder einfach nur blöd. Hättest du das Buch trotzdem gelesen, wenn du es vorher gewusst hättest? Nein? Dann kannst du nur damit anderen helfen, die richtige Entscheidung für sich selbst zu treffen. Welche das ist, muss letztendlich jeder selbst wissen.

  3. Die Frage zielt wohl in eine ähnliche Richtung wie der alte Streit, ob man die Musik Wagners gut finden darf obwohl er Antisemit und Hiters Lieblingskomponist war. (Wobei bei Wagners Werken ein Bezug zur Ideologie sicher stärker gegeben ist als bei den hier angesprochenen, „zeitlosen“ Kinderbüchern).

    Ich habe da auch keine Antwort. Aber was daran so verstört, bei Wagner wie bei den Kinderbuchautoren, ist wohl, dass Komponisten/Autoren, die menschenverachtende Ansichten vertraten, uns derart viel Freude bereiten können. Ich glaube, insgeheim denken wir, Kreativität und Inspiration eines Kinderbuch-Autors oder eines Komponisten müssten mit einer mitfühlenden, menschenfreundlichen Haltung des Schöpfers dieser Werke einhergehen.

    Ist aber offenbar nicht so.

  4. Solange sich von der Ideologie nichts in dem Buch wiederfindet, ist mir völlig piepe, ob der Autor Homophob, Rassist oder sonstwas war oder nicht. Ich will ja nicht mit ihm zusammenleben, sondern nur sein Buch lesen.

    Ich denke durchaus, dass man das Werk vom Autor trennen kann. Ein Kochrezept von Magda Göbbels wird ja auch nicht automatisch ungenießbar, nur weil es von ihr stammt. Wer zu dieser Trennung nicht fähig oder bereit ist, kann das gerne anders handhaben, darf aber bitte daraus keine Verpflichtung für die Allgemeinheit ableiten.

  5. Hmmmm, das muss jede/r selbst entscheiden. Für mich macht es schon einen Unterschied , ob ein Autor in irgendeiner Weise merkwürdig ist oder war und nicht grad dem derzeitigen Stand der „political correctness“ entspricht oder Nazi war. Bekennende Nazis haben nicht nur ihre eigene Überlegenheit propagiert, sondern auch, dass alle „Andersartigen“ vernichtet, d.h. ermordet oder vertrieben werden müssen. Das ist auch der Unterschied zu Wagner, der bestimmt ein Spinner war, und rassistisch obendrein und von Hitler gemocht wurde. Ob er als Freigeist Nazi geworden wäre, weiß ich nicht, er musste es ja nicht mehr erleben.
    Wie dem auch sei, es gibt so viele wunderbare Kinderbücher, deshalb kann ich auf solche Literatur gut verzichten. Wenn man den Hintergrund des Autors nicht kannte und die Geschichten mag, dann muss man kein schlechtes Gewissen haben. Aber es ist ja nie zu spät, die eigene Meinung zu revidieren, wenn man neue Erkenntnisse gewinnt – oder? Ich finde es auf alle Fälle gut, dass der Verlag es erwähnt.

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  7. Hallo,

    Mit dieser Frage sah ich mich letztes Jahr auch konfrontiert, als ich das Buch „Don Juan“ von Mirko Jelusich gelesen habe. Ich wurde dann von einer Bloggerin darauf hingewiesen, dass der Mann eine unschöne Nazivergangenheit hatte und eine Anstellung im Kulturbereich dort innehatte. Das hatte mir dann doch ganz schön zu denken gegeben, vor allem da ich von der Geschichte des Buches heraus niemals einen Zusammenhang gefunden habe – zum Glück!
    In meiner Rezension habe ich dann trotzdem zugegeben, dass mir das Buch wirklich gut gefallen hat, gleichzeitig habe ich aber auch auf die Vergangenheit des Autors hingewiesen.

    Eine pauschale Antwort kann ich dazu aber nicht geben. Ich entscheide, wie ich es für richtig halte.

    Viele Grüße

  8. Sollmann-Hosch, Anna sagt

    Ich habe die Märchen von Matthießen als Erstleserin aus der Gemeindebücherei ausgeliehen und habe sie immer wieder gelesen und geliebt. Meinen Kindern habe ich sie vorgelesen, später, als sie lesen konnten, geschenkt, und sie haben sie auch geliebt. Jahrzehntelang habe ich sie als Pädagogin im Unterricht eingesetzt und Kinder damit zum andächtigen Zuhören gebracht. Es wird eine schöne heile Welt in diesen Büchern dargestellt, die Kinder wohl brauchen. Ich bin aber jetzt beschädigt durch das Wissen um den plumpen, blöden und fanatischen Antisemitismus des Autors. Mir gelingt es nicht, zu trennen zwischen Autor und Werk. „It´s the singer not the song“, wie die Stones anmerken. Es gibt keine heile Welt. Ich bin so enttäuscht.

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