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„Blätterrauschen“: Ein Buchtipp von Matteo (10) und Steffi (44)

9783499216862

Holly-Jane Rahlens: Blätterrauschen
Rowohlt 2015, ab 11

Das Besondere an der Webseite Buecherkinder.de ist, dass alle Titel (Bilderbücher ausgenommen) ausschließlich von den gut 50 Mitgliedern der Kinder- und Jugendredaktion bewertet werden. Die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 6 und 20 Jahren haben einen ganz anderen Blick auf das Gelesene als wir Erwachsene. Entscheidend ist, ob die Buchhelden die Gefühle, Wünsche und Probleme der jungen Leser widerspiegeln. Dabei müssen die Geschichten nicht zwingend in der Realität angesiedelt sein, auch Fantasy kann durchaus einen Bezug zu ihrer aktuellen Lebenswirklichkeit haben.

Besonders spannend finde ich daher immer wieder, wie ein bereits von mir gelesenes Buch in der Zielgruppe ankommt. Den neuen Roman von Holly-Jane Rahlens habe ich mit Begeisterung verschlungen und war daher besonders gespannt zu hören, wie dem zehnjährigen Matteo der Titel gefallen hat. Hier kommen nun unsere beiden Meinungen:

Matteo (10) über Blätterrauschen

Die Hauptpersonen dieses Buches sind drei dreizehnjährige Kinder: Oliver, Rosa und Iris. Olivers Vater kommt oft betrunken nach Hause, und sein Bruder ist wegen eines Streites mit dem Papa spurlos verschwunden. Rosa hat eine Prothese, denn sie hat ihre jüngere Schwester davor gerettet, von einem Auto überfahren zu werden, und dabei ihre Hand verloren. Iris hat ein Gehirn „von der Leistungsfähigkeit des Genfer Teilchenbeschleunigers“ (S. 305). Doch was haben sie gemeinsam? Alle drei Kinder sind Außenseiter und Testleser der Buchhandlung „Blätterrauschen“. Eines Tages bei einem Gewitter klopft jemand an die Hintertür des Ladens: Es ist Colin Julio aus dem Jahr 2273! Was hat der Junge aus der Zukunft im Jahr 2015 zu suchen? Und was werden sie wohl zusammen erleben?

Hätte ich dieses Buch in einer Buchhandlung gesehen, wäre es mir niemals aufgefallen, denn es sieht aus wie ein Buch für Erwachsene und der Titel klingt auch nicht nach einem Jugendabenteuerroman. Das wäre sehr schade gewesen, denn die Geschichte ist wirklich schön! Dieses Buch unterscheidet sich von allen anderen Büchern, die ich gelesen habe, denn es geht um die Zukunft, aber man kann sich vorstellen, dass einige Sachen später echt einmal so werden, z. B. was die Länder oder die Sprachen der Zukunft angeht. Die Geschichte ist fantasiereich und sehr spannend und es geht dabei vor allem um Freundschaft zwischen sehr verschiedenen Kindern.

Dieser Roman hat mich sehr zum Nachdenken angeregt. Ich habe mich nämlich gefragt, wie es wäre, in die Zukunft oder in Parallelwelten zu reisen oder die Zukunft sehen zu können, und ob ich lieber ohne diese Erfahrung bleiben würde. Bei der Vergangenheit wäre ich mir dagegen sicher, dass nichts allzu schlimmes passiert, denn schließlich sind wir ja da.

Was die Figuren dieses Buches betrifft, wäre ich am liebsten Iris, weil so ein Supergehirn echt praktisch sein kann. Mit Rosa dagegen hatte ich ganz schon viel Mitleid, weil ich mir nicht vorstellen kann, ohne einen meiner Körperteile zu existieren. Mit Oliver hatte ich ebenfalls Mitleid, denn einen betrunkenen Vater, der einen schlägt, wünscht sich echt niemand. Lustig ist, dass das Kind aus der Zukunft gar nicht so exotisch ist, er unterscheidet sich nur wenig von den jetzigen Kindern, aber er bewundert die einfachsten Dinge wie Kugelschreiber oder Kaffeemaschinen als wären sie Museumsstücke. Am Anfang spricht der Junge Colin Julio Englisch mit den drei Hauptpersonen, doch dann wechselt er auf Deutsch. Obwohl es nicht besonders viele Sätze sind, ist es beim Lesen vorteilhaft, wenn man ein bisschen Englisch kann.

Ich empfehle diesen Abenteuerroman sowohl Jungen als auch Mädchen ab 11 Jahren, die Lust haben, eine besondere Zukunftsgeschichte zu lesen, und vergebe ihm 5 von 5 Sternen, die er wahrhaftig verdient hat. Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass die Geschichte weiter geht, und würde mich freuen, wenn es einen weiteren Band gäbe, ihn ebenfalls zu lesen.

Steffi (44) über Blätterrauschen

Wenn ein Cover unter anderem den Eingang eines Buchladens zeigt, im Klappentext die Worte „Leseclub“ und „Buchhandlung“ fallen und von Zeitreisen und -schleifen die Rede ist, dann müssen SciFi-liebende Buchmenschen wie ich einfach zugreifen. Und wenn solche Bücher dann auch noch so spannend geschrieben sind, dann werden die Blätter nur so rauschen und das Buch in einem Tag verschlungen sein. Ich spreche da aus Erfahrung.

Wir befinden uns in Berlin, im Hinterzimmer der Buchhandlung „Blätterrauschen“, in dem regelmäßig der Leseclub stattfindet. Doch als die pummelige, superschlaue Iris, die hübsche Rosa mit der Handprothese und Oliver, der lieber zeichnet als liest, auf die Buchhändlerin Cornelia warten, geschehen merkwürdige Dinge, und wie aus dem Nichts steht plötzlich der 14-jährige Colin aus der Zukunft vor der Tür, der die Berliner Szene für ein extrem gut gemachtes Virtual-Reality-Spiel hält. Durch einen Fehler geraten die vier in ein Paralleluniversum. Werden sie es schaffen, wieder in ihre eigene Realität zu kommen?

Bei Kinder- und Jugendbüchern wünsche ich mir immer, dass sie die jungen Leser (und bisweilen auch die ältere Leserin) direkt im ersten Kapital von der Geschichte „gepackt“ werden. Holly-Jane Rahlens benötigt dafür gerade mal einen Absatz. Und auch im weiteren Verlauf der Geschichte lässt sie jedes der 30 Kapitel mit einem Cliffhanger enden, dass es kaum möglich ist, das Buch zur Seite zu legen.

Die Autorin wählt für ihre Hauptfiguren ganz unterschiedliche Typen, die sich alle mit vermeintlichen Schwächen auseinandersetzen müssen. Die zwei Jungen und Mädchen weisen dabei anfangs kaum Gemeinsamkeiten auf, entdecken aber schließlich neben den eigenen Stärken auch die Qualitäten der anderen. Hier bietet die Geschichte viele Identifikationsmöglichkeiten und spricht weibliche wie männliche Leser gleichermaßen an.

Holly-Jane Rahlens hat mit „Blätterrauschen“ ein spannendes und bisweilen auch humorvolles Zeitreise-Abenteuer geschaffen, das dem jungen Leser zudem eine wichtige Erkenntnis mit auf den Weg gibt: Du hast deine Zukunft selbst in der Hand, denn deine Geschichte ist noch lange nicht geschrieben!

Übrigens, wer sich das Cover ganz genau anschaut, wird entdecken, dass sich neben den vier Hauptdarstellern auch die Autorin auf das Cover geschmuggelt hat.

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von

Seit über 10 Jahren betreibe ich die Webseite Buecherkinder.de. Ich bin leidenschaftliche Netzwerkerin (online wie offline), Jurymitglied des “Leipziger Lesekompass” und schreibe regelmäßig für die Fachzeitschrift “Eselsohr”. Obwohl technikaffin lese ich zur Zeit noch am liebsten Bücher der Holzklasse.

1 Kommentare

  1. Verena Julia sagt

    Hallo Steffi,

    ein toller Artikel. Du hast ja direkt nach dem Lesen schon so von dem Buch geschwärmt. Ich habe mich, auch wegen deinem Fazit, bei Lovelybooks für die Leserunde beworben. Hatte Glück und darf nun das Buch zusammen mit der Autorin lesen. Freue mich schon riesig, vor allem nachdem ich deine und Mateos Meinung gelesen habe.

    Herzliche Grüße, Verena.

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