Bücherregal, Buchtipps
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Eisvogelsommer
oder Der Versuch einer Rezension

Ich schreibe nicht besonders gerne Rezensionen, habe ich noch nie. Vielleicht liegt es daran, dass mich besondere Geschichten immer im Innersten berühren und ich sie durch eine nennen wir es mal literarische Analyse nicht ihres Zaubers berauben will. Ich habe das Tot-Interpretieren in der Schule schon nicht gemocht. Möglicherweise fehlt mir aber auch schlicht und ergreifend das Rüstzeug zum Schreiben einer „echten“ Rezension.

Wie dem auch sei, manchmal begegnen mir Bücher, die einfach besprochen werden müssen, einfach darum, weil ich ihnen zahllose weitere Leser wünsche. „Eisvogelsommer“, ein Buch des flämischen Autors Jan De Leeuw, ist so ein Buch. Es hat mich derart in seinen Bann gezogen, dass ich beim Lesen Raum und Zeit vergaß und die Nacht zum Tag machte, nur um dieses Buch zu beenden. Und das soll schon etwas heißen, schließlich ist mir meine Nachtruhe heilig.

Im Zuge meiner Vorbereitungen auf meine Reise ins Gastland der Buchmesse versuche ich, mir einen möglichst großen Überblick über die Bandbreite der flämischen und niederländischen Kinder- und Jugendliteratur zu verschaffen. „Eisvogelsommer“ war eines der Werke, das ich zumindest anlesen wollte, dessen poetischer Stil mich aber bereits nach wenigen Seiten mit einer derartigen Wucht traf, dass an ein Weglegen des Buches nicht mehr zu denken war.

Von Worten eingewickelt

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„Eisvogelsommer“ von Jan De Leeuw, Seite 28

Die Geschichte erzählt vom Lieben, vom Leben und vom Sterben, denn der Ich-Erzähler Thomas kam bei einem Unfall ums Leben. (Dass Thomas tot ist, erfährt man leider bereits im Klappentext, was ich persönlich sehr schade finde. Man hätte den Leser darüber durchaus im Unklaren lassen können, denn eine gewisse Vorahnung ist auch ohne Erwähnung von Beginn an vorhanden.) Thomas begleitet in den Monaten nach seinem Tod die Menschen, die ihn liebten – seine Eltern, seinen Großvater, seine große Liebe Orphee. Sie halten ihn fest, können noch nicht loslassen und auch Thomas kann erst gehen, wenn die letzten offenen Fragen seines Lebens beantwortet sind. So folgt er seinen Lieben in ihre Gedanken und Erzählungen, die ihn in die nahe und ferne Vergangenheit führen.

Und so wie der Großvater Thomas in ein Netz aus Worten einwickelt, so verfing auch ich mich im Netz dieser Geschichte und sog die wunderbaren, poetischen Formulieren förmlich in mir auf. Ein Dank an dieser Stelle deshalb auch an Rolf Erdorf, der mit seiner Übersetzung aus dem Niederländischen hier wirklich Großes vollbracht hat.

Umso mehr freue ich mich, dass ich auf meiner Buchreise sowohl dem Autor als auch dem Übersetzer begegnen werde und mir mein „Eisvogelsommer“ sicherlich signieren lasse.


Bibliografie und Blick ins Buch:

Eisvogelsommer  (Original: Vijftien wilde zomers)
von Jan De Leeuw
aus dem Niederländischen übersetzt von Rolf Erdorf

Gerstenberg Verlag 2016
ISBN: 978-3-8369-5841-7

 

Kategorie: Bücherregal, Buchtipps

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Seit über 10 Jahren betreibe ich die Webseite Buecherkinder.de. Ich bin leidenschaftliche Netzwerkerin (online wie offline), Jurymitglied des “Leipziger Lesekompass” und schreibe regelmäßig für die Fachzeitschrift “Eselsohr”. Obwohl technikaffin lese ich zur Zeit noch am liebsten Bücher der Holzklasse.

2 Kommentare

  1. Rolf Erdorf sagt

    Was für eine schöne Rezension! Ich freue mich auf morgen, Montag, den 30. Mai, in Genk. Bei künstlich geschaffenen Anlässen zum Feiern fremdele ich immer ein wenig, aber Autoren wie Jan de Leeuw kann auch ich wirklich feiern; schon in meinen Übersetzungen, aber gerne auch mal so.

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