Bücherkinder
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Über gute und „schlechte“ Bücher

In der vergangenen Woche berichtete ich als Facebook-Kuratorin für das Ulla-Hahn-Haus, um dort meine Arbeit mit den Bücherkindern vorzustellen. Einen Beitrag widmete ich der Auswahl unserer Buchtitel. Ein Facebook-Kommentar ließ mich aufhorchen und ich entschied mich, diesen ausführlich zu beantworten. Dieser Artikel ist eine Kopie des Facebook-Beitrags vom 10.2.2017.

Beitrag: […] Alles in allem versuche ich eine gute Mischung zwischen Lesefutter und literarischen Titeln hinzubekommen […]

Kommentar: Äh, definiere ‚Lesefutter‘. Schrott, der für Discounter oder nach wenigen Wochen im Ramsch landet, hat in einer solchen Liste doch ehedem nix zu suchen.

Diesen Kommentar möchte ich zum Anlass nehmen, etwas ausführlicher über gute oder „schlechte“ Bücher zu sprechen (wobei mir diese Bezeichnung eigentlich gar nicht gefällt).

Was ist „Lesestoff“?

Lesestoff ist für mich zügig wegzulesende Lektüre, die mich nicht zu sehr anstrengt und für netten Zeitvertreib sorgt. (Und nein, NETT ist nicht die kleine Schwester von Scheiße sondern wirklich nett!!) In meinen Augen benötigt man Lesestoff in jedem Lesealter.

In der Grundschulbücherei, die ich viele Jahre leitete, war die Reihe „Das magische Baumhaus“ damals der Renner. Die Schüler waren den Erstlesebüchern entwachsen, und da bildete diese Reihe eine wunderbare Möglichkeit, das gerade erlernte Handwerk des Lesens zu festigen. Spannende Geschichten, einfachste Subjekt-Prädikat-Objekt-Sätze und nicht zu großer Umfang ließen die Kinder häufig von einem zum anderen Buch greifen, um den Lesehunger zu stillen. Aber wer schließlich zehn von ihnen beendet hatte, merkte schnell, dass nun die Zeit für etwas anderes gekommen war. Die Kinder „klebten“ also nie lange an dem sprachlich einfachen Lesefutter.

Und genau diese Reihen oder auch Einzeltitel begegnen uns auch im Jugendbuch und selbst später in der Belletristik. OK, die Sprache sollte das S-P-O-Niveau schon verlassen haben, aber die Geschichten bleiben locker wegzulesen.

Macht das diese Bücher zu schlechten Büchern, nur weil sie hochliterarischen Ansprüchen nicht genügen? Mitnichten!! Genau diese Titel benötigen wir, um die heutige Lesergeneration – gegen alle anderen medialen Freizeitangebote – bei der Stange zu halten. Die Saat wurde gesät und mit ein bisschen Glück und der richtigen Pflege wird sie aufgehen, bei dem einen früher, bei dem anderen später und bei manchen eben gar nicht. Das ist schade, aber nicht zu ändern.

Vergesst die Hörbücher nicht!

Das möchte ich sehr vielen Eltern entgegenrufen. Denn tatsächlich sind Hörbücher ein ganz wunderbares Medium, auch lesemüde Kinder weiterhin mit feiner Sprache und Formulierungen, mit Spannung, Abenteuer, Liebe oder Geschichten aus dem Leben zu versorgen. Eines meiner Kinder gehörte zu diesen „lesemüden“ Kindern. Für ihn bedeutete Lesen echte Anstrengung und das macht man in der spärlichen Freizeit keinesfalls freiwillig. Hörbücher allerdings hat er und liebt er immer noch. Bei ihm sprang der Funke zum Selberlesen erst mit 14 Jahren bei Ursula Poznanskis „Erebos“ über, wofür ich ihr noch heute sehr dankbar bin.

Was ist jetzt mit den literarischen Titeln?

Dafür müsste man eigentlich erst einmal wissen, was mit literarisch eigentlich gemeint ist, denn letztlich ist jeder schriftlich festgehaltene Text ein literarischer und somit auch obiger „Lesestoff“.

Da ich selbst aber das Wort ins Spiel gebracht habe, möchte ich erläutern, was ich darunter verstehe. Die Titel, die von mir als literarisch bezeichnet werden, zeichnen sich zunächst einmal durch ihre Sprache aus, die sich eben entscheidend vom Lesestoff unterscheidet. Sie kann beispielsweise voller sprachlicher Bilder stecken („Mein Freund Pax“) oder in Gedichtform verfasst sein („Die Sprache des Wassers“). Literarische Titel sollen den jungen Leser fordern, ihn in meinen Augen aber nicht überfordern, so dass die Freude am Lesen und der Sprache womöglich verloren geht. Zudem sind diese Titel auch inhaltlich besonders. Vielleicht widmen sie sich einem nie da gewesenen Thema oder reflektieren auf ganz außergewöhnliche Weise das derzeitige Leben ihrer Leser.

Und wie bringe ich jetzt meine Kinder dazu, mal was anderes zu lesen?

Dafür gibt es kein Patentrezept. Bietet den Kindern so viele unterschiedliche Titel wie möglich an und wo ginge das besser als in der örtlichen Bibliothek. Das schöne an geliehenen Büchern ist nämlich, dass die Hemmschwelle Verschiedenes auszuprobieren viel niedriger ist. Trefft mit den Kindern ein Abkommen. Jedes Buch sollte zu einem Viertel bzw. maximal 100 Seiten angelesen werden, danach darf man gerne zum nächsten greifen, wenn man nicht ins Buch kommt.

Dasselbe gilt natürlich für die Erwachsenen, die sich ruhig auch mal einen literarischen „Schinken“ ausleihen können, um den eigenen inneren Schweinehund zu bezwingen. Gute Tipps hält da z.B. der Blogger Kaffeehaussitzer bereit.

Enden möchte ich mit einem Zitat eines befreundeten Buchhändlers, der sich auf die Beratung von Jungs spezialisiert hat. Er sagte einmal zu mir:

„Jedes gelesene Buch ist ein gutes Buch!“

und vielleicht sollten wir damit mal beginnen.

Kategorie: Bücherkinder

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Seit über 10 Jahren betreibe ich die Webseite Buecherkinder.de. Ich bin leidenschaftliche Netzwerkerin (online wie offline), Jurymitglied des “Leipziger Lesekompass” und schreibe regelmäßig für die Fachzeitschrift “Eselsohr”. Obwohl technikaffin lese ich zur Zeit noch am liebsten Bücher der Holzklasse.

7 Kommentare

  1. Thomas Brasch sagt

    Bis auf das Zitat des Buchhändlers stimme ich ein. Und um dieser Einstellung schon bei Kindern entgegen zu wirken, ergänze ich eine Empfehlung: vorlesen, solange man kann. Mein Sohn ist bald 10, liest zwar schon selbst, doch vor guter und umfangreicher Literatur scheut er noch zurück. Deshalb lese ich ihm viel vor. Unter anderem den gesamten Harry Potter, Griechische Sagen, Klassiker wie Oliver Twist, die Schatzinsel, Robin Hood, Tom Sawyer oder Nils Holgerson. Auch „Emil und die Detektive“ , „Gullivers Reisen“ von Kästner oder „Herr der Diebe“ von Cornelia Funke, Paul Maar „Lippels Traum“ und sehr zu empfehlen auch Jo Nesbø Bände über Dr. Proctor und ein großer Favorit „Hugo Cabret“ von Selznick. All das sind gute Bücher, mit denen ich so manche verführerische Zeitverschwendung mit Kinderbuch-Konfektionsware umgehen konnte. Und ich hatte selbst großes Vergnügen daran.

    • Stefanie Leo sagt

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar.
      Da ich den Beitrag 1:1 aus Facebook übernommen habe, habe ich das Vorlesen nicht ergänzt, stimme dir aber 100%ig zu. In der Grundschule habe ich oft erlebt, dass die Eltern schlagartig aufhörten zu lesen, da die Kinder ja jetzt selber lesen könnten. Und das stimmt eben nur halb. Haben sie zuletzt sehr komplexe Geschichten als Vorschulkinder vorgelesen bekommen, landen sie beim Erstlesebuch bei einfachsten Sätzen und Geschichten. Da sind sie aus den Vorlesezeiten viel Besseres gewöhnt. Wenn das jetzt alles sein soll, was sie sich durch Selberlesen erobern können, dann verlieren einige sicherlich die Lust. Deshalb, wie du schon sagst, am besten gar nicht mit dem Vorlesen aufhören!

  2. Meine Zweitklässlerin tut sich schwer mit dem Lesen. Sie kann es, mag es aber einfach nicht. Daher stimme ich dir zu…ich bin über jedes Buch froh, das Sie in die Hand nimmt, stets mit der Hoffnung auf weitere…Und bis dahin behelfen wir uns mit vorlesen und vielen, vielen Hörbüchern (denn die liebt sie)

  3. Ein schöner Artikel, dem ich zustimme. Für manche Kinder sind ja z.B. auch Comics ein guter Weg zum Lesen.
    Ich habe meinem Sohn auch versprochen, ihm noch gaaaanz lange vorzulesen, denn ansonsten würde er nicht lesen lernen wollen, denn er liebt es vorgelesen zu bekommen. Im übrigen fände ich es auch selbst viel zu schade, wenn das Vorlesen in der Grundschule wegfallen würde. Ich freue mich ja auch auf die ganzen Kinderbücher. 🙂 Und auch beim Vorlesen gilt hier: Nicht alles muss anspruchsvoll sein. In der Bücherei wird das ausgeliehen, was die Kinder interessant finden.

  4. Liebe Stefanie Leo, liebe Eltern, die hier geschrieben haben. Eure Kommentare geben mir Hoffnung, denn mein Sohn (13 Jahre) liest nicht, obwohl ich ihm bis hinein in die vierte Klasse sehr viel vorgelesen habe. Mit Hörbüchern habe ich es auch versucht, es klappt einigermaßen. Vielleicht springt der Funke ja noch über. Danke für dieses Forum! Könntet Ihr noch ein paar Hörbücher (außer Ursula Poznanski) empfehlen?

  5. Alexandra sagt

    Bravo! Ich, Grundschullehrerin, habe bis vor einigen Jahren auch gedacht, nur literarischer Stoff sei lesenswert. Im Verlauf der Zeit habe ich dann diese Meinung revidiert. Heute finde ich: lieber nur ‚Schmöker‘ lesen als gar nicht lesen und gerade Serien sind, wie beschrieben, häufig ein guter Einstieg ins nächste level. Danke für den tollen Beitrag.

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