Kinderbücher lesen

Eigentlich habe ich nie aufgefhört, Kinderbücher zu lesen. Als Kind las ich sie, als Mutter und seit über 15 Jahren auch als Frau Bücherkinder. In meiner Funktion als „Mutter“ der Kinderredaktion leite ich junge Leser*innen an, ihre Meinung zu aktuellen Büchern in Worte zu fassen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das bisweilen gar nicht so einfach ist. Manchmal fließt die Bewertung einfach so auf’s Papier, ein anderes Mal fällt es ungleich schwerer, seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen, herauszufinden, was ein bestimmtes Werk so außergewöhnlich macht.

Für mich kommt ein weiteres Problem hinzu, ich bin kein Kind mehr. Deshalb überlasse ich das Bewerten der Kinder- und Jugendliteratur fast ausschließlich den Nachwuchsredakteur*innen im Alter zwischen 8 und 18 Jahren. Nur hin und wieder kribbelt es mich in den Fingern und dann muss ich meinen Senf dazu geben. In so einem Fall ist es immer wieder spannend zu sehen, wie ich das Gelesene betrachte und was letztlich die Zielgruppe dazu zu sagen hat (siehe hier: Große Freude bei Frau Bücherkinder)

Jetzt könnte man natürlich hingehen und behaupten, dass es nunmal ganz eindeutige Kriterien für gute und weniger gute Lektüre gibt und dass die Erwachsenen im Unterschied zu den Kindern in der Lage sind, diese Kriterien zu filtern und zu benennen. Vereinfacht gesprochen, die Kinder können zwar meist gute von weniger guten Büchern unterscheiden, wir können ihnen aber sagen, warum das so ist.

So schön, so gut, so falsch, möchte ich behaupten, nun vielleicht nicht komplett falsch, aber vermutlich liegt die Wahrheit wie immer irgendwo in der Mitte zwischen besagten Kriterien und dem derzeitigen Erfahrensschatz und den Lebensumständen der jeweiligen Leserin oder des Lesers. Geht es uns denn nicht ähnlich? Da trifft uns ein Buch mitten ins Herz und berührt andere nur peripher, mit manchem in den Gazetten hochgelobten Titel können wir gerade gar nichts anfangen, ein wenig später dann schon und manchmal verstehen wir die Aufregung um ein Buch überhaupt nicht und finden es schlicht und ergreifend nur doof.

Als mein Bruder ein Wal wurde

Kinderbuch ab 10
von Nina Weger
illustriert von Eva Schöffmann-Davidov
Oetinger 2019

„Manchmal, wenn ich abends im Bett lag, stellte ich mir vor, dass Julius wie ein riesiger Wal durch die Tiefen des Ozeans glitt.“

Darf man über das Leben eines anderen bestimmen? Und woher soll man wissen, was richtig oder falsch ist, wenn man ihn nicht fragen kann? Belas großer Bruder Julius liegt im Wachkoma, die Familie soll eine Entscheidung treffen und steht kurz davor, auseinanderzubrechen. Und jetzt? Belas Freundin Martha würde zum Papst fahren. Der muss schließlich wissen, was in so einem Fall zu tun ist … Heimlich schlachten sie ihre Sparschweine, klauen eine Kreditkarte und begeben sich auf eine abenteuerliche Reise nach Rom, um eine Antwort zu finden und Belas Familie zu retten. (zur Leseprobe)

Gestern las ich Nina Wegers aktuelles Kinderbuch „Als mein Bruder ein Wal wurde“ in einem Rutsch durch. Dabei begleiteten mich während der Lektüre zahlreiche Fragen, Gedanken blitzten auf, die mich unter anderem zu diesem Beitrag bewegten. Eins aber gleich vorweg, ich finde das Buch außergewöhnlich gut.

Ich stelle mir vor, wie ich mittwochs im Buchladen stehe, jemand mit seinem 10-jährigen Kind herein kommt, an den Regalen entlangstreift, nach diesem Buch greift, es umdreht, den Klappentext liest und es zurück legt. „So ein schwieriges und trauriges Thema, Lesen soll in dem Alter doch Spaß machen!“ Ob der 10-jährige Leser das genauso sehen würde? Oder ist es gerade spannend, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die fernab vom eigenen Zuhause, vom täglichen Erlebten sind? Was lässt ihn sein bisheriger Erfahrensschatz beim Lesen empfinden? Und bietet gerade die Grenze der eigenen Vorstellungskraft (im Gegensatz zu Film und Fernsehen) beim Lesen nicht auch einen gewissen Schutz? Was nimmt der junge Leser bei dieser Geschichte mit?

Ich habe das Buch als dreifache Mutter gelesen, ich habe mit den Eltern geweint. Sie waren meine Identifikationsfiguren. Aber die jungen Leser werden sich gedanklich mit Bela und Martha zusammentun, sie werden die beiden auf ihrem Roadtrip nach Rom begleiten, werden sich ähnlichen ethischen Fragen stellen und sie alleine, zusammen mit den Protagonisten oder mithilfe der eigenen Eltern beantworten und vielleicht entsteht Zuhause sogar so etwas wie eine Diskussion zum Thema.

Kann man sich mehr für Kinder beim Lesen wünschen als gute, spannende, sprachlich ansprechende Lektüre, die unterhält, zum Nachdenken anregt und nachhallt? Und sind es nicht genau solche Bücher, die wir „Großen“ am liebsten lesen?

Selten war ich bei einem Kinderbuch so gespannt auf die Meinung der Zielgruppe. Und eure Meinung zum Thema interessiert mich natürlich auch.

 

 

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