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Diogenes – Kinderbücher mit Charakter!

Vor einigen Wochen suchte ich unter den Bilderbuch-Redakteuren jemanden, der die Bilderbücher aus dem Diogenes Verlag genauer unter die Lupe nimmt. Sabrina Kalmykov aus der Redaktion meldete sich sofort. Hier kommt nun ihr Blogbeitrag über …

Kinderbücher mit Charakter

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Aus: „Kein Kuss für Mutter“

Sollte es für den ein oder anderen nicht sofort greifbar sein: Diogenes, das sind so tolle Bücher wie zum Beispiel „Wo die wilden Kerle wohnen“, „Der Maulwurf Grabowksi“ oder „Ein Apfelbaum im Bauch“.

Und auch eins meiner absoluten Lieblingsbücher ist in diesem Verlag erschienen: „Kein Kuss für Mutter“.

Es sind keine Kinderbücher, so wie man sie sich vielleicht erst mal vorstellt: glatt und lieb, nicht unbedingt tiefgründig, oft mit absehbaren Friede Freude Eierkuchen Enden.
Nein – hier handelt es sich um Kinderbücher mit Profil, mit Charakter, mit politischen und moralischen Botschaften. Die Geschichten und Bilder regen die Leser (Vorleser und Zuhörer) dazu an, ihre Fantasie zu nutzen und sich ihre Umwelt genauer anzuschauen. Kinder werden aufgefordert kritisch zu denken.

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Aus: „Ferdinand der Stier“

Wir werden dazu angehalten, unseren Lebenswandel und unseren Umgang mit der Welt genauer zu betrachten:

Warum wird die schöne Wiese wo der Maulwurf Grabowski wohnt, zubetoniert, und wieso zwingt man Ferdinand den friedlichen Stier, in einer Arena zu kämpfen?

 

Es sind auch Kinderbücher, mit unerwarteten Enden und widerspenstigen Protagonisten. Wo Eltern letztlich doch nicht ihren Willen bekommen. Wo Kinder frech, wild, aufmüpfig und temperamentvoll sein dürfen, und Mütter auch mal einen Denkzettel verpasst bekommen. Es wird auch schon mal gebrüllt. Und vielleicht gibt es auch Tipps, wie man nur so tun kann, als würde man sich die Zähne putzen.

Aber nicht nur das Innere der Bücher macht sie so besonders. Jedes Stück ist in seiner Gestaltung einzigartig, mit Sorgfalt liebevoll hergerichtet. Sie wirken allesamt sehr hochwertig. Manche Bücher kommen in einer Aufmachung daher, die eigentlich schon antiquarisch anmutet, im Stile der 50er Jahre.
„Eine lange Straße lang“ wiederum wird mit einem 6 (sechs) Meter langem Poster geliefert.

Ein Großteil der Bände hat einen Schutzumschlag, was bei Kinderbüchern erst einmal irgendwie umständlich wirkt, weil die kleinen Hände das unter Umständen nicht so gut handhaben können. Aber eigentlich zeigt es, dass Kinder und ihre Bücher hier genauso viel wert und genau so wichtig sind, wie Erwachsenenbücher.

Kinderbücher mit Ecken und Kanten

Diogenes Kinderbücher treffen vielleicht nicht jedermanns Geschmack, gegebenenfalls ecken sie auch hier und da mal an. Aber gerade das macht sie so spannend!

Hier kommen jetzt noch ein paar Beispiele, lauter klasse Kinderbücher aus dem Diogenes Verlag:

Ein Apfelbaum im Bauch von Simon Boulerice und Gérard Dubois sieht aus als wäre es uralt. Ist es aber nicht! Denn der Autor ist selbst gerade in seinen 30ern.
Der kleine Raphael liebt Äpfel über alles. Jeden Tag isst er einen, und zwar mit allem Drum und Dran – außer dem Stiel. Doch sein Schulkamerad Rémi ist überzeugt: in Raphaels Bauch wachsen jetzt bestimmt Bäume! Schon arbeitet Raphaels Fantasie auf Hochtouren. Er sieht schon, wie sein Bauch ganz verbeult ist, vor lauter Bäumen, und wie seine Hände langsam zu Ästen werden! Zum Glück kann seine Mama ihn aber beruhigen, und alles wird wieder gut. Allerdings gibt es für Raphael in Zukunft wohl doch eher Bananen anstatt Äpfeln!
Die kindliche Fantasie wird hier ganz rührend dargestellt, untermalt von tollen Bildern und wunderbar einfühlsam geschrieben.

Ferdinand der Stier von Munro Leaf, illustriert von Robert Lawson.
Ferdinand lebt in Spanien. Im Gegensatz zu seinen Artgenossen, die sich ständig raufen, um eines Tages in einer Arena kämpfen zu dürfen, liebt Ferdinand die Ruhe. Und er liebt den Duft von Blumen. Am liebsten möchte er den ganzen Tag unter seinem Baum sitzen, und Blumen beschnuppern. Doch dann wird er ausgewählt, um in die Arena gebracht zu werden. Ferdinand weiß gar nicht, was er da soll. All die Pikadores und Banderilleros, und erst der Torero! Alle warten auf den großen, mächtigen Ferdinand! Doch er, er will doch nur den Duft von Blumen genießen!
Dieses Buch ist nicht umsonst seit über 50 Jahren ein Klassiker. Es ist so charmant, so liebevoll, so witzig, und nicht zuletzt: so voller Botschaften. Selbstredend wird der Stierkampf thematisiert und ins lächerliche gezogen. Aber es sagt auch: Sei wie du bist! Lass dich nicht in eine Form pressen und steh zu dir selbst!
Einfach ein ganz wertvolles Buch.

Frank Viva ist ein preisgekrönter Grafik Designer, dessen Illustrationen in Zeitungen wie „Die New York Times“ erschienen sind. Außerdem bereist er den ganzen Globus mit seinem Fahrrad. Und so nimmt er in seinem Werk Eine lange Straße lang seine Leser mit auf die Reise, immer der gelben Straße folgend. Wenige Worte und nur 5 Farben unterzeichnen die Weite des Raums, die Geschwindigkeit, die Unendlichkeit der Reise.
Der Stil ist einmalig und der Band kommt noch dazu mit einem 6 Meter langen Plakat, das die Seiten des Buches aneinander reiht, damit wir die Reise immer weiter führen können!

Wo die wilden Kerle wohnen von Maurice Sendak. Auch hier wieder ein absoluter Klassiker seit über 50 Jahren.

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Aus: „Wo die wilden Kerle wohnen“

Max ist ein wilder kleiner Kerl, der ohne Abendessen ins Bett soll! Sowas ungerechtes! Da bricht er auf, reist über die Meere, bis zu dem Land, wo die wilden Kerle wohnen! Ganz fürchterliche Kerle! Ganz schreckenerregende Monster! Aber Max, der wilde Max in seinem Wolfskostüm, der zähmt sie allesamt, und wird zum König der wilden Kerle! Zusammen machen sie Krach, und brüllen herum, und machen lauter Unfug! Und dann schickt Max die wilden Kerle ohne Essen ins Bett. Angelockt vom Duft nach gutem Essen, reist Max wieder zurück, über die Meere, bis zurück in sein kleines Zimmer – wo sein Essen auf ihn wartet.
Es ist einfach großartig, wie hier das Bedürfnis von Kindern dargestellt wird, die Ungerechtigkeiten in ihrer Welt zu verarbeiten, wie sie sich in ihrer Fantasie ganze Universen kreieren, sich aus ihrer Realität wegträumen, um dann wieder ganz entspannt zurück zu kommen. Und die Bilder: einfach grandios.

In Weggepustet von Rob Biddulph, bekommt der kleine Pinguin Blau einen neuen Drachen, packt ihn aus, und – wusch – wird er weggeweht. Und eine ganze Reihe seiner Freunde ebenfalls. Sie verlassen die Arktis und landen mitten im Dschungel.
Die Geschichte von Blau und seinen Freunden ist in witzigen kurzen Versen geschrieben. Besonders zu beachten sind hier die Illustrationen: Sie sind bunt, und einfach, aber eindrucksvoll, und trotz der Einfachheit voller witziger kleiner Details! Es macht Spaß sich das Buch anzusehen, die kleinen Feinheiten zu finden, und herauszufinden, wie es weiter geht!

Tobi Tatze aus Kein Kuss für Mutter von Tomi Ungerer ist ein ganz schön fieser kleiner Kater. Er macht Sachen kaputt, wäscht sich nicht, putzt sich nicht die Zähne, prügelt sich in der Schule, macht keine Hausaufgaben, und eins kann er ganz besonders nicht leiden: Küsse. Ständig will seine Mutter ihn küssen. Sie verhätschelt ihn und tätschelt ihn und behandelt ihn wie ein kleines Baby. Und dann versucht sie auch noch ihm ein schlechtes Gewissen zu machen.
Aber nicht mit Tobi. Als Mutter Tatze ihren Sohn zum Mittagessen abholen will, explodiert er. Und dann wird die Mutter wütend. Das Donnerwetter zwischen den beiden ist aber klärend, und so kommen die beiden sich, auf ihre Art, ein bisschen näher.
Der Untertitel „Eine Geschichte über zu wenig oder zu viel Liebe“ spricht schon Bände. In diesem Buch trifft ein ausgesprochen fieser kleiner Kerl, der ein bisschen Freiheit sucht, auf eine ausgesprochen übereifrige, einengende Mutter, die nicht loslassen will. Und am Ende lernen die Protagonisten und auch die Leser: Liebe besteht auch manchmal aus Kompromissen und gegenseitigem Verständnis.

Knigi ist ein kleiner Geist. Zu seiner Geburtsnacht bekommt er ein Buch geschenkt und ist ganz gespannt! Aber: das Buch ist vollkommen leer! Wie sich herausstellt, sind alle Bücher in der Geisterwelt leer. Was soll denn das? Wie soll er denn ein Buch lesen, in dem gar nix steht? Und dann, dann lernt er es: nicht das Buch gibt ihm eine Geschichte vor, sondern er füllt das Buch mit Geschichten! Indem er seiner Fantasie freien Lauf lässt, erweckt er das leere Buch zum Leben!
Benjamin Sommerhalder zeichnet uns in seinem Buch eine Welt ganz in Schwarzweiß. Einfachste Grafiken völlig ohne Farbe bilden die Welt von Knigi. Bis die Fantasie zum Leben erwacht und eine komplette Palette Farben mit sich bringt.
Dieses Buch ist ein Buch darüber, dass man auch in seiner Fantasie bunte, lebendige Abenteuer erleben kann! Eine klasse Lektion für alle großen und kleinen Kinder!

Und last but not least, sei hier noch Der Maulwurf Grabowski von Luis Murschetz vorgestellt.

Aus: "Der Maulwurf Grabowski"

Aus: „Der Maulwurf Grabowski“

Der kleine Maulwurf Grabowski wohnt in einer gemütlichen Wiese am Stadtrand. Tagsüber buddelt er Gänge unter die Wiese, und am Abend, da schaut er sich die Lichter der Stadt an. Das ist ein angenehmes Maulwurfleben.
Doch eines Tages wird alles anders. Es kommen viele Menschen, mit schweren Maschinen, die machen krach von morgens früh bis abends spät, und der arme Grabowski weiß gar nicht mehr wie ihm geschieht. Seine schöne weiche Erde wird schwer und hart. Große Klauen packen ihn und werfen ihn ab. Der kleine Maulwurf ist völlig außer sich vor Angst. Also flüchtet er, läuft über lebensgefährliche Straßen, bis er endlich eine neue Wiese findet, mit weicher, duftender Erde.
Ein eindrucksvolles Buch, das sowohl Erwachsene als auch Kinder dazu auffordert, sich mal darüber bewusst zu werden, was die Menschheit jeden Tag diesem Planeten und dessen Bewohner antut.

Jedes dieser Bücher hat seinen Charme! Wir geben sie sicher nicht mehr her!

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1 Kommentare

  1. Moin 🙂
    Super schöner Beitrag…nur muss ich leider gestehen, dass ich keins der Bücher jemals gelesen habe…das sollte ich vielleicht mal nachholen…

    Viele Grüße
    Susanne

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