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Betty Reis, Solingen und die Kinderbücher

Was Betty Reis mit meiner Heimatstadt Solingen und insbesondere mit meinem Stadtteil Ohligs zu tun hat, warum ich Gründungsmitglied einer Gesellschaft geworden bin, die ihren Namen trägt, und welche Rolle dabei die Kinder- und Jugendbücher spielen, das möchte ich euch heute ein wenig genauer erläutern.

Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist.
– Aus dem Talmud

Als mich vor einigen Tagen eine Email mit der Einladung zur Gründungsversammlung einer „Betty-Reis-Gesellschaft“ erreichte, sagte mir dieser Name nichts. Doch der Einladende hatte seinem Schreiben einen kurzen Lebenslauf der jungen Frau beigefügt, der mich auch heute – mehr als 70 Jahre später – noch erschauern lässt.

Betty Reis verbrachte, aufgewachsen in einer jüdischen Familie, ihre Kindheit und Jugend in ihrer Heimatstadt Wassenberg, bevor sie 1937 eine Stelle als Dienstmädchen bei einer jüdischen Familie in Solingen annahm. Dort erlebte sie 1938 die Pogromnacht und machte traumatische Erfahrungen. Die Nationalsozialisten deportierten sie, nachdem sie seit 1939 zahlreiche andere Stationen durch­laufen hatte, schließlich ins Konzentrationslager Bergen-Belsen. Dort wurde Betty Reis durch die Nationalsozialisten im Herbst 1944 ermordet.
Quelle: Betty-Reis-Gesamtschule Wassenberg

Die Details dessen, was Betty Reis in der Progromnacht durchlitten hat, möchte ich euch ersparen. Es waren Solinger, vermutlich Ohligser, die in dieser Nacht auch den letzten Funken Menschlichkeit verloren, als sie in einem Keller – vielleicht gar nicht weit weg von dem Ort, an dem ich gerade sitze und diese Zeilen tippe – über die 17-Jährige herfielen.

Warum ich euch das erzähle?

Siebzig Jahre sind eine verdammt lange Zeit, wir haben uns zu einer offenen Gesellschaft entwickelt, leben in einer Demokratie – einer wirklichen. Doch nur wenn wir für sie eintreten, können wir sie auch dauerhaft wahren. Einige meiner Ohligser Mitbürger sehen das allerdings anders, wie mich das Wahlergebnis der Landtagswahl am vergangenen Sonntag lehrt.

„Es sind die leicht zu übersehenden Verschiebungen des Rahmens des Sagbaren, die eine Gesellschaft in ihrem Gefüge verändern.“, sagt Harald Welzer in seinem Buch „Wir sind die Mehrheit – Für eine offene Gesellschaft“. Diesen Verschiebungen möchte ich entschieden mit meiner Mitgliedschaft in der „Betty-Reis-Gesellschaft“ entgegenwirken.

Und was ist jetzt mit den Kinderbüchern?

Laut Satzung ist der Zweck der Betty-Reis-Gesellschaft, die Erinnerung an Betty Reis und deren Schicksal lebendig zu halten. Dies soll u.a. durch die in zweijährigem Turnus erfolgende Verleihung des undotierten Betty-Reis-Buchpreises an eine in deutscher Sprache schreibende Autorin bzw. einen Autor verwirklicht werden, dessen Werk sich an Kinder und Jugendliche wendet und dessen Inhalt dem Zweck des Vereins in besonderer Weise entspricht.

Und damit schließt sich der Kreis. „Mach das, was du gut kannst! Bring dich dort ein, wo du auf deine Erfahrungen zurückgreifen kannst.“ – so lautet meine Devise. Ich freue mich jedenfalls sehr, meine langjährige Erfahrung mit den Kindern und Jugendlichen der Redaktion und als Jurymitglied des Leipziger Lesekompass in die Betty-Reis-Gesellschaft einbringen zu können. Und ich bin gespannt, was sich alles in Bewegung setzen lässt.

 

 

“Love out loud” oder ganz viel Liebe für meine Bücherkinder!

„Love out loud“. So lautet das diesjährige Motto der re:publica, die derzeit in Berlin stattfindet. Und in Zeiten wie den heutigen, in denen das Feuilleton die Buchblogger kritisiert und selbige die Kritik kritisieren und überhaupt reichlich im Netz kritisiert wird, nehme ich diesen Slogan zum Anlass, ein ganz lautes Lob – sofern man im Netz von „laut“ sprechen kann – und ebenso kräftigen Dank auszusprechen.

Mein Lob und Dank gilt meinen Bücherkindern. Allen voran danke ich meinen unermüdlichen Online-Redakteuren, die sich in wechselnder Besetzung bald fünfzehn Jahre lang durch immer wieder neue Kinder- und Jugendliteratur lesen und ihre Meinung dazu abgeben.

Mein spezieller Dank verbunden mit einem dicken Lob soll aber heute nach aller Kritik an der Kritik und überhaupt in besonderem Maße meinen Monheimer Bücherkindern gelten. Seit einem Vierteljahr treffe ich mich mit den Jungen und Mädchen zwischen 9 und 11 Jahren einmal pro Woche im Ulla-Hahn-Haus in Monheim. Dort widmen wir uns aktuellen Büchern, die Kinder schreiben erste Rezensionen und gemeinsam überarbeiten wir ihre Texte. Dabei stellen wir immer wieder fest, dass selbst kleine sprachliche Modifikationen, Bewertungen in Nuancen verändern können, ihnen beispielsweise einen kleinen Stups nach oben oder unten geben. Bisweilen ein ganz schöner Denksport.

Für unser 90-minütiges Treffen kommen manche Kinder direkt aus der Schule ins Ulla-Hahn-Haus. Sie schenken mir und den Kinderbüchern ihre wertvolle Zeit. Sie lassen mich mit ihren Augen Texte entdecken und manches „Frau Leo, das verstehen Sie nicht, das verstehen nur wir untereinander.“ in Rezensionen ließ mich schmunzeln aber auch kräftig darüber nachdenken, wie Sprache in welchem Alter empfunden wird. Für diese Erfahrungen möchte ich mich herzlich bei allen Bücherkindern bedanken. Macht weiter so!

Zum Thema „Kritik an der Kritik an Buchbloggern“ empfehle ich besonders folgende Artikel:
Stefan Mesch im Deutschlandfunk „Wer Bücher liebt, verdient keine Häme“
Katharina Hermann in 54books „Zur Kritik des normierten Lesens“
(bitte nehmt euch als Leser die Zeit, diesen großartigen Beitrag zu lesen)

Dieser Beitrag wurde zunächst als Facebook-Notiz veröffentlicht.
Das Foto hat mir Anke M. Leitzgen freundlicherweise zur Verfügung gestellt, bei ihr liegt das Copyright.

Hörbuchkritiker gesucht!

Für die noch ziemlich verwaiste Rubrik „Hörbücher“ auf Buecherkinder.de suche ich Nachwuchsredakteure zwischen 9 und 15 Jahren, die besonders gerne Hörbücher hören.

Die derzeit rund vierzig lesenden Kinder und Jugendlichen der Redaktion haben ihren Schwerpunkt in der Besprechung aktueller Print-Titel und nur wenige unter ihnen geben hin und wieder einen Hörbuchtipp ab – deshalb auch die derzeit überschaubare Anzahl in dieser Kategorie. Dies soll sich jetzt ändern!

Wenn du zu denjenigen gehörst, die Geschichten lieber auf die Ohren kriegen als in der Hand halten, dann bist du in der zukünftigen Buecherkinder-Hörbuch-Redaktion genau richtig!

Ich versorge dich mit aktuellen Hörbuchern auf CD und im Gegenzug erhalte ich von dir einen Hörbuchtipp für die Webseite. Interessiert? Dann melde dich – gerne mit einer ersten Hörbuchrezension – per Mail bei mir und ich schicke dir weitere Infos zu. Ich freue mich, von dir zu hören 🙂

Foto: CC0 DS-Foto/Pixabay

 

 

Tief berührend: Mein Freund Pax

Eigentlich überlasse ich schon seit Jahren das Schreiben von Rezensionen den rund vierzig Kindern und Jugendlichen der Redaktion. Zumindest auf der Webseite. Doch hin und wieder tauchen im Stapel der Leseexemplare Bücher auf, die auch für mich als erwachsener Leser so besonders sind, sich auf ihre Art aus der Masse der Neuerscheinungen abheben, dass ich nicht umhin komme, euch von ihnen zu erzählen. Häufig sind dies Geschichten, die mich ganz tief drinnen berühren, die mich mit einer wohligen Wärme im Bauch zurücklassen, die schlicht und ergreifend ein Geschenk sind. „Mein Freund Pax“ ist so ein Buch.


Mein Freund Pax
von Sara Pennypacker, aus dem Englischen von Birgitt Kollmann, mit Illustrationen von Jon Klassen, Fischer Sauerländer 2017
304 Seiten, 34 Kapitel – für Leserinnen und Leser ab 10 (und älter)


Von außen

Cover: Mein Freund PaxPeter hat den Fuchswelpen Pax vor dem sicheren Tod gerettet und aufgezogen – seitdem sind die beiden unzertrennlich.

Peter und Pax verstehen sich ohne Worte, und nur zusammen fühlen sie sich ganz. Aber dann kommt der Krieg und reißt die beiden auseinander.

Zwischen ihnen liegen Hunderte von Kilometern und warten tausend Gefahren, doch von ihrer Sehnsucht getrieben, kennen die beiden nur einen Gedanken: den anderen wiederzufinden …

 

 

Letztlich sind es immer Cover und Klappentext, die einen zunächst nach einem Buch greifen lassen. Bei „Mein Freund Pax“ war es tatsächlich das Wort Pax, das mich zunächst neugierig machte. Ein Fuchs, der Frieden heißt und laut Klappentext in Zeiten des Krieges mit einem Jungen befreundet ist, das war definitiv Stoff, den ich noch nicht gelesen hatte. Tatsächlich war ich auch ein wenig überrascht davon, dass Jon Klassen dem Buch Illustrationen beisteuerte. Zum einen, weil es bei Büchern ab einem gewissen Lesealter durchaus normal ist, dass sie ohne Innenillustrationen auskommen, zum anderen weil  Jon Klassen hauptsächlich für seine außergewöhnlichen Bilderbücher bekannt ist. Doch gerade er erweist sich als Glücksgriff, denn seine auf das Wesentliche zurückgenommenen Schwarzweiß-Illustrationen – zwölf an der Zahl – unterstreichen diese außergewöhnliche, ja poetische Freundschaftsgeschichte.

Von innen

Ich bin ehrlich, ich hatte eine einfache Freundschaftsgeschichte zwischen einem Fuchs und einem Jungen erwartet: Die zwei sind beste Freunde, werden getrennt, finden über Umwege wieder zusammen, sind glücklich. End of story. So kann man sich täuschen!

Der aus zwei Perspektiven erzählte Roman – ein allwissender Erzähler berichtet im Wechsel aus der Sicht von Peter bzw. Pax – beginnt mit der durch den Krieg bedingten Trennung der beiden Freunde. Und schon im ersten Kapitel kann man sich der Kraft und der Tiefe ihrer Liebe zueinander nicht entziehen. Die beiden sind zwei und doch nicht zwei, ein buddhistischer Gedanke, der später im Buch noch erklärt werden soll.

Sowohl Junge als auch Fuchs bekommen auf dem Weg zueinander unerwartet Hilfe von ihresgleichen, und so wird die Suche nach dem innig geliebten Freund für beide am Ende auch eine Suche nach sich selbst. Diese charakterlichen Entwicklungen machen nahezu alle Protagonisten durch und das macht die Geschichte zusätzlich spannend, da lange offen bleibt, wohin der jeweilige Weg Menschen und Tiere führen wird.

Einschätzung

Was die Geschichte von Peter und Pax allerdings zu einem – wie ich meine – Glanzstück unter den Neuerscheinungen werden lässt, ist die poetische Sprache, die die Autorin Sara Pennypacker verwendet und die von Birgitt Kollmann ausgezeichnet ins Deutsche übertragen wurde. Das Schöne ist, dass dieser ausdrucksstarke Stil für die Kinder nicht schwierig zu lesen oder zu erfassen ist und den Leser dennoch tief berührt. Das ist wahre Schreibkunst und ich freue mich, dass sie durch diese wunderschöne Geschichte auch Kindern zugänglich gemacht wird.

Acht Kinder und jede Menge Bücher

Nun ist er gekommen, mein erster Tag als Dozentin im Ulla-Hahn-Haus. Nach bald 15 Jahren Online-Redaktion – die ich selbstverständlich weiterführe –  wird in Monheim sozusagen ein „greifbarer“ Ableger der Bücherkinder entstehen.

Rheinische PostÜber mangelnden Medienrummel konnte ich mich im Vorfeld jedenfalls nicht beklagen.

Nach dem ersten Artikel am 19. Januar, der in der Rheinischen Post erschien, klingelte das Telefon gleich mehrfach und heraus kamen ein Interview im Libelle-Magazin und auch die Rheinische Post berichtete kurz vor Kursstart am vergangenenen Freitag ein weiteres Mal.

Jede Menge Vorschuss-Lorbeeren sozusagen, die es am gestrigen Montag einzulösen galt.

Dennoch war mir bewusst, dass die „Konkurrenz“ in Sachen Freizeitgestaltung für Kinder riesig ist und die Tage von 9- bis 12-Jährigen eben auch nur 24 Stunden haben. Umso mehr freute es mich, dass aus den vier fest angemeldeten Kindern am ersten Kurstag plötzlich acht wurden, die sich auch noch gleichmäßig auf die Geschlechter verteilten.

GongZum Kennenlernen ließ ich die Kinder von ihren Lieblingsbüchern berichten und einen kleinen Steckbrief ausfüllen. Und trotz meiner langjährigen Erfahrung erstaunt es mich doch immer wieder, mit welcher Begeisterung und wie detailliert die Kinder über ihre Lieblingsbücher berichten. Und das, obwohl das Lesen des Buches bei vielen sogar schon eine Weile her war und sie die Lektüre noch nicht einmal zur Hand hatten. Toll!

Der mitgebrachte Gong kam – zumindest in der ersten Stunde – gar nicht zum Einsatz, denn die Kinder lauschten gespannt, den Buchberichten der anderen. Und vor lauter Buchdiskussion wurde schließlich (fast) das Naschen vergessen.

Drei der neuen Monheimer Bücherkinder nahmen sich auch gleich ein Buch vom Tisch mit, schließlich war ich ja nicht mit leeren Händen gekommen und hatte allerhand aktuelle Bücher mitgebracht. Und – man mag es kaum glauben – heute früh hatte ich tatsächlich bereits eine erste Buch-Einschätzung der elfjährigen Lucie in meiner Mail. Das nenne ich doch mal einen tollen Start!!

Kommende Woche werden wir die Bücher dann genauer unter die Lupe nehmen und schauen, was Cover, Klappentext und Impressum uns alles verraten. Vielleicht bringe ich auch eine Geschichte von Paul Maar mit, die wir gemeinsam lesen und anhand derer wir erste Kriterien entwickeln. Doch erst einmal bin ich gespannt, ob ich alle Kinder am Montag wiedertreffe oder ob vielleicht noch weitere hinzukommen. Ich freu‘ mich jedenfalls drauf!

Flyer

Kursflyer und weitere Infos