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Was macht den Autor „frei“?

In den Kurzbiografien zahlreicher Bücher trifft man regelmäßig auf die Bezeichnung „freier Autor“. Aber was genau unterscheidet denn nun den Autor vom „freien“ Autor?

Obgleich die größte aller Suchmaschinen zahlreiche Ergebnisse zum Thema ausspuckt, liefert sie nicht wirklich Antworten. Anzeigen sogenannter Zuschussverlage werden eingeblendet, es ist von freier Mitarbeit und nebenberuflicher Tätigkeit die Rede.

Ich will es genauer wissen und hake nach bei einem, der erst kürzlich beschlossen hat, als freier Autor zu arbeiten.

Der freie Autor Frank Maria Reifenberg

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Frank Maria Reifenberg
Foto: Patrick Leo

Frank Maria Reifenberg wurde 1962 in der Nähe von Siegen geboren und wuchs wohlbehütet in einem Dorf im Westerwald auf. Nach Abitur und Ausbildung zum Buchhändler wurde er in den späten 80er Jahren Texter und Mitinhaber einer Public Relations-Agentur.

Anfang des neuen Jahrtausends absolvierte Reifenberg an der Internationale Filmschule Köln das Ausbildungsprogramm für Drehbuchautoren. Fortan schrieb er Drehbücher und Konzepte für Film und Fernsehen bevor er 2003 begann Romane für Verlage wie Thienemann, Rowohlt, Bloomoon/arsEdition, Ueberreuter oder Ravensburger zu schreiben.

Seit 2008 widmet Reifenberg sich der Jungenleseförderung mit Workshops nur für Jungen, Seminaren und Vorträgen für Erzieher, Eltern, Lehrer und Multiplikatoren in der Buchbranche. Seit 2013 ist er Initiator und künstlerischer Leiter von kicken&lesen Köln. Die Universität zu Köln berief ihn 2013 zum Lehrbeauftragten für “Leseanimation für Jungen”. (Quelle: Webseite des Autors)

„Die Aufgabe eines Autors ist es nicht, Programmplätze zu füllen, sondern tolle Geschichten zu schreiben.“

Nach über 10 Jahren als Kinder- und Jugendbuchautor, nach knapp 35 Romanen, dazu Drehbücher, Erzählungen und Vorlesegeschichten, entschied Frank Maria Reifenberg vor knapp drei Jahren, dass die Zeit für Veränderungen gekommen war.

Als erfolgreicher und gefragter Autor waren die nächsten Jahre bereits gut verplant, die anfängliche Schreibfreiheit jedoch im sich immer schneller drehenden Schreibkarussell verloren gegangen. Irgendwann ging es nicht mehr um Geschichten sondern vielmehr darum, dass diese gewisse Kriterien erfüllten und den allgemeinen Trends entsprachen. Das Schreiben war marktorientiert geworden.

„In gewissem Maß ist das auch okay, wir wollen alle von unserer Kreativität auch leben, aber irgendwann wird der Druck zu groß. Mir ist klar, dass ich als Autor mit meinen Büchern auch ein Produkt bin. Ich war früher Inhaber einer PR-Agentur, ich weiß durchaus, wie die Dinge laufen, wenn es um Vermarktung geht. Witzigerweise ist in dieser Phase dann ausgerechnet die Geschichte, die lange keiner wollte, weil angeblich ein Kinderkrimi in den 1920ern gerade gar nicht in den Markt passt, dann voll durchgestartet. Zu diesem Zeitpunkt war ich eigentlich schon ziemlich k. o.“

Reifenberg blieb bei seinem Plan. Er arbeitete knapp drei Jahre unter Hochdruck, vollendete zwei Buchreihen, schrieb ein Drehbuch, hielt Lesungen, gründete kicken & lesen Köln, unterrichtete an der Uni und zog sich still und leise aus der Tretmühle zurück, indem er keine weiteren Verträge unterschrieb. „Das hat gar keiner gemerkt, weil so viel Getöse um die Schattenbande und all die anderen Sachen war. Und ich habe die Halbjahre, die Monate und schließlich die Wochen und Tage gezählt, bis ich endlich wieder atmen konnte.“

Ende März waren schließlich alle Manuskripte abgegeben und Frank Maria Reifenberg zum (vertrags-)freien Autor geworden.
Nach einer kurzen Zeit des „Runterfahrens“ (das letzte halbe Jahr gab es so gut wie keine arbeitsfreien Wochenenden) und des wohlverdienten Urlaubs, ging es schließlich Mitte Juli als freier Autor zurück an den Schreibtisch.

Ankündigung auf Facebook

Sechs Wochen später sind 250 Seiten Exposés und Leseproben für fünf große Ideen entstanden. Zurzeit arbeitet Reifenberg an seinem ersten Buch, bei dem selbst seine Agentin nicht weiß, was es wird. „Vielleicht geht das voll in die Hose und vielleicht kann ich gar nicht ohne den Zirkus drumherum und vor allem ohne die Motivation schreiben, die so ein Erscheinungstermin auch bedeutet. Toll ist, dass ich jeden Tag mindestens zweimal so eine Zuckung habe: Oh nein, lass das, das kriegst du nie durch. Und dann schreibe ich weiter und freue mich wie Bolle über den Schmarrn, der da gerade entsteht.“

„Ich glaube, ich bin noch längst nicht ganz bei dem angekommen, was ich kann!“

„Autor, Leseförderer, Drehbuchschreiber, Gärtner – noch sind für die Restzeit bis zur Rente alle Optionen offen!“, erklärt Reifenberg lachend. Denn vertragsfrei bedeutet neben der Freiheit natürlich auch, dass es keine Vorschusszahlungen gibt. Viel entscheidender ist jedoch die Lücke, die im kommenden Jahr entstehen wird, wenn kein neuer Reifenberg die Regale erobern wird. Da muss sich die harte Arbeit der letzten Jahre bezahlt machen.

Es gebe für ihn keinen Grund, sich in irgendeiner Form zu beschweren. Das wäre lächerlich und auch unberechtigt. „Ich gehöre ja zu den wenigen, die von diesem Beruf gut leben können, und es freut mich, dass die Verlage mit mir zusammenarbeiten wollen. Ich glaube aber, dass das Verlagswesen als System und mit ihm ein ganzer Teil der Kinderbuchbranche sich in einen anfangs schleichenden, jetzt immer schnelleren Kreislauf begeben haben und die Sache zu kippen beginnt: Bücher sind schneller aus der Backlist verschwunden, als du den Katalog durchblättern kannst. Autoren werden immer mehr gebraucht, um Programmplätze zu füllen. Aber eigentlich müssen Programmplätze für Geschichten geschaffen werden.

Was man anders machen könnte? An verschiedenen Punkten würde Frank Maria Reifenberg ansetzen. „Wir müssen mehr junge Leute ermuntern, für Kinder und Jugendliche zu schreiben und dafür müssen wir ihnen bessere Perspektiven bieten, also auch Wege finden, dass man halbwegs davon leben kann. In Dänemark sorgt zum Beispiel ein tragfähiges Konzept der Vergütung über Bibliothekstantiemen für so eine Art von Grundeinkommen. Hier hat man die direkte Brücke zwischen Leseförderung und Literaturförderung geschlagen.“
Was Kinderbuchautoren tun, ist nach Reifenbergs Ansicht auch ein Teil der Kulturlandschaft, die mit öffentlichen Aufgaben und Verpflichtungen zu tun hat.

Die Autoren müssen sich entwickeln können, sie bräuchten viel mehr Zeit, um zu ihren Stärken zu finden. „Heute werden schon die Exposés und Leseproben, die eigentlich nur sehr bedingt etwas über die wirklichen Möglichkeiten eines Buches sagen können, gedreht und gewendet und oft auch schon den Vertriebsabteilungen vorgestellt, dann verändert oder abgelehnt. Den Vertrieb brauchen wir im Boot, klar, aber erst, wenn eine Idee auch ausgereift ist. Es werden Unsummen für Lizenzen aus dem Ausland ausgegeben, wahrscheinlich könnte man mit vielen dieser Summen einen starken Stamm ‚eigener’ Verlagsautoren heranziehen.

Der Kinderbuchmarkt sehe bunt und lustig aus, sei aber erbarmungslos wie die gesamte Buchbranche. „Manchmal ist es so, dass eine Idee oder ein ganzes Genre in der Zeit, die man für Manuskript, Illustration, Herstellung usw. braucht, schon wieder als ‚durch’ angesehen wird. Ich verstehe sehr gut die Zwänge, in denen die Programmleitungen stecken.“

Nach Reifenbergs Ansicht fehlt es aber auch an anderer Stelle. Dass es in Deutschland kaum vernünftige und verbindliche Ausbildungswege an Universitäten oder in Form einer eigenständigen Akademie speziell für das Schreiben für Kinder und Jugendliche gebe, hält er für einen großen Fehler. „Ein guter Autor ist nicht unbedingt auch ein guter Kinderbuchautor. Es braucht sehr spezielle Fertigkeiten für diese Aufgabe und vieles davon kann man auch lernen.“
Reifenberg hat jetzt zum ersten Mal die Konsequenz gezogen und ein durchaus verführerisches Angebot eines großen Verlages abgelehnt. Auch die zugesagte Platzierung als Spitzentitel konnte ihn nicht locken. „Ich bin ein Profi, ich kann eine Menge, aber es passte einfach nicht und ich mache nur noch, was passt. Und zwar richtig.“

Für den freien Autor gilt eine Maxime, die er so auch jederzeit an den Schreibnachwuchs weitergeben würde:

„Schreib Geschichten, für die du brennst und lebe damit, falls sie gerade nicht in den Trend passen. Bleib bei dir und vertraue auf die ursprüngliche Kraft deiner Geschichten! Wenn man anfängt sich zu verbiegen, wird man auf Dauer nicht froh. Vielleicht bin ich bald raus aus dem Geschäft, kann sein. Aber dann habe ich ja noch den Schrebergarten und steige auf Gemüseanbau um.“


Dir, lieber Frank, wünsche ich, dass du auf Dauer nicht nur froh wirst, sondern dass auch die Verlage erkennen, dass man für gute Geschichten durchaus einen Programmplatz schaffen kann.
Vielen herzlichen Dank für das Interview, alles Gute für dich und deine Geschichten! Ich freue mich schon sehr auf den nächsten echten Reifenberg.

Kategorie: Büchermenschen

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Seit über 10 Jahren betreibe ich die Webseite Buecherkinder.de. Ich bin leidenschaftliche Netzwerkerin (online wie offline), Jurymitglied des “Leipziger Lesekompass” und schreibe regelmäßig für die Fachzeitschrift “Eselsohr”. Obwohl technikaffin lese ich zur Zeit noch am liebsten Bücher der Holzklasse.

5 Kommentare

  1. Pingback: Blogtalk am Wochenende – [1533]

  2. Hallo Steffi,
    zunächst noch ein Danke für die strukturierte Aufbereitung unseres Gesprächs – demnächst dann ohne tobende Hunde! 🙂 Ich bin im Moment ein bisschen berührt und auch betroffen, weil ich viele Reaktionen an mich direkt und privat bekommen habe. Viele Kolleginnen und Kollegen schreiben mir von ihren Erfahrungen, die ein ähnliches Gefühl der „Unfreiheit“ erzeugt haben. Es ist allerdings etwas, über das man wohl öffentlich besser nicht spricht, was ich auch respektiere und verstehe. Ich glaube allerdings, dass man es kann und sollte, weil diejenigen, die vielleicht kritisiert werden, dafür ganz viel Verständnis haben. Viele Buchhändler, die ich kennen, aber auch viele Verlagsleute, die selbst sagen, ja, wir befinden uns in einer manchmal angespannten Situation, weil wir auch wissen, dass der „Druck des Marktes“ einem oft den Spielraum nimmt. Übrigens habe ich in der Phase des Durchatmens und der Rückbesinnung auch mit meinen Verlagen (Ueberreuter, arsEdition und Ravensburger) gesprochen und genau diese Situation beschrieben. Das ist mit viel Verständnis aufgenommen und gar nicht als Konfrontation begriffen worden. Wir ziehen da eigentlich an einem Strang und mein Eindruck ist (und war schon vorher), dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort einen klaren und selbstbewussten Auftritt schätzen. Denen ist auch viel lieber, wenn jemand sagt, sorry, ich danke für das Angebot, aber ich bin dafür einfach nicht der Richtige. Was mir nicht so klar war: Einige lesen daraus, dass ich nicht (mehr) mit Verlagen zusammenarbeiten möchte. Das ist ganz und gar nicht so, die neuen Projekte laufen und kommen dann 2017 auf den Markt. Ich habe keinen Verlag angeklagt, alles, was ich gemacht habe, ist mit klarem Kopf passiert. Trotzdem muss man halt ab und zu einen Rundum-Check machen und die Spur ein bisschen neu einstellen. 🙂 Es grüßt der Frank

  3. Danke!!! Als Multiplikatorin merke ich in den Gesprächen mit Eltern oder Erziehern, wie sehr dieses Hamsterrad nur um sich selbst dreht. Die Anderen wissen nichts davon, sie schauen mich mit großen Augen an, wenn ich im 34 Grad heißen August von neuen Weihnachtsbüchern rede. Letztlich machen sich die Verlage selbst den Druck, sie könnten mal langsamer fahren.

  4. „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen“.

    ZITAT von Johann Wolfgang von Goethe

    ….und daher ist eine Weg ohne Steine hinderlich! 🙂 JvdS 15.08.2015

  5. Pingback: Netzlektüre #16 | SuBtastisch

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