Büchermenschen, Bücherregal
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Ja, Übersetzer sind wichtig, aber …

Als ich vor über 10 Jahren mit meiner Webseite begann nannte ich zu jedem Titel zwar Autor, Illustrator und Verlag, jedoch keinen Übersetzer*. (*Ich beschränke mich in diesem Blogbeitrag auf die männliche Form der Bezeichnung „Übersetzer“, weiß aber, dass gerade Frauen zum großen Teil für die Übersetzungen in der Kinder- und Jugendliteratur zuständig sind.) Nennt mich dumm oder ignorant, bei meinen ersten Schritten auf der Internetbühne habe ich schlicht und ergreifend nicht daran gedacht. Erst der freundliche Kommentar einer Übersetzerin ließ mich aufhorchen und die Rubrik „Übersetzung“ einfügen.

Seitdem gibt es diese Angabe zu fast jedem übersetzten Titel. Ich sage „fast“, da der Übersetzer – gerade bei Bilderbüchern – nicht immer zwingend auf dem Titelblatt genannt wird und auch auf den Webseiten der Verlage hin und wieder keine Erwähnung findet. Dann bleibt nur noch die Hoffnung, seinen Namen im Impressum zu finden.

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„Die Geschichtenmaschine“ von Tom McLaughlin (aus dem Englischen von Petra Thoms, Bohem 2015)

Übersetzer haben einen großen Anteil am Erfolg oder Misserfolg eines Titels, sie können eine gute Geschichte noch besser machen. In diesem Zusammenhang werde ich das Lob, das Markus Zusak auf einer Lesung seiner Übersetzerin Alexandra Ernst spendete, nie vergessen. Er behauptete, dass „Die Bücherdiebin“ dank Ernst in der deutschen Übersetzung besser sei als das Original.

Trotzdem sind Übersetzer keine Hexen und Zauberer, eine schlechte Geschichte bleibt schlecht auch wenn sie noch so gut übersetzt wird, allerdings kann eine schlechte Übersetzung eine gute Erzählung auch „versauen“. Für den Leser ist beides schwer herauszufinden, sofern er das Original nicht kennt.

Ein angenehmer Nebeneffekt meiner täglichen Datenbankarbeit, in der ich über die Jahre die bibliographischen Daten hunderter Kinder- und Jugendbücher eingepflegt habe, ist das „Kennenlernen“ zahlreicher Übersetzer. Über kurz oder lang begegnet man einigen von ihnen häufiger und kann vom Namen des Übersetzers und seiner bisher geleisteten Arbeit sogar auf einen möglichen Erfolg, zumindest aber auf die Bedeutung des Titels für den Verlag, schließen. Ob der geneigte Kinder- und Jugendbuchleser allerdings aufgrund eines bestimmten Übersetzers zu einem Titel greift oder eben nicht – eine Erfahrung die Isabel Bogdan in ihrem sehr lesenswerten Blogbeitrag beschreibt – wage ich zu bezweifeln. Diese Fertigkeit wird er meiner Meinung nach höchstens im Laufe seines Leserlebens erlangen.

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Auswahl einiger Donaldson-Scheffler-Titel

Eine besondere Kunst der Übersetzung stellt für mich die Übertragung von Reimen dar.

Gerade in den frühen Werken des Autoren-Illustratoren-Duos Julia Donaldson und Axel Scheffler, die von Monika Osberghaus und Mirjam Pressler übersetzt wurden, ist dies wunderbar gelungen. Zwischendurch schwächelten ein paar Titel bis Salah Naoura das Übersetzer-Ruder übernahm.

„Das Grüffelokind“, trotz Übersetzung von Osberghaus, konnte mich jedoch nie gänzlich überzeugen. Bis heute weiß ich nicht, ob es an der Übersetzung oder der Originalvorlage lag. Ich tippe allerdings auf Letzteres.

Ja, Übersetzer sind wichtig, aber trotzdem schenken wir ihnen bisweilen nicht die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt und bisweilen sogar rechtlich zusteht. Deshalb möchte ich hier noch einmal Isabel Bogdan zitieren:

Der Übersetzer ist der Urheber der deutschen Fassung. […] Und dass wir Urheber sind, bedeutet unter anderem, dass wir bei jedem Zitat genannt werden müssen. Ich sehe schon, das schreibt Ihr Euch jetzt alle schön hinter die Ohren, ne?

Wird gemacht!

 

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Seit über 10 Jahren betreibe ich die Webseite Buecherkinder.de. Ich bin leidenschaftliche Netzwerkerin (online wie offline), Jurymitglied des “Leipziger Lesekompass” und schreibe regelmäßig für die Fachzeitschrift “Eselsohr”. Obwohl technikaffin lese ich zur Zeit noch am liebsten Bücher der Holzklasse.

3 Kommentare

  1. Du hast völlig Recht. Die Übersetzungen sind wichtig und auch sicherlich nicht immer einfach umzusetzen. Irgendwie habe ich jedoch bisher die Übersetzer auch nie genannt, was ich aber vielleicht nach diesem Artikel nun ändern werde.

  2. Das war bei mir ganz genauso: Ich schrieb nie den Übersetzer dazu, bis mich eine Übersetzerin darauf aufmerksam machte. Seitdem mache ich es, und ich mache es gerne, denn mir ist durchaus bewusst, welche wichtige Rolle die Übersetzer spielen.
    Dennoch achte ich beim Buchkauf überhaupt nicht auf den Übersetzer. Manchmal merke ich irgendwann, dass das Buch ja von jemandem übersetzt wurde, den ich kenne oder dessen Name mir etwas sagt, aber ich schaue nicht explizit danach und es ist kein Auswahlkriterium. Isabel schreibt, man würde beim Hörbuchkauf ja auch auf den Sprecher achten. Auch das mache ich kaum, sondern ich orientiere mich wie bei Büchern vor allem an Klappentext, Empfehlungen, Cover, Thematik.

  3. In der Datenbank von Ajum.de gibt es das Feld „Übersetzer“. Auf die vollständige bibliographische Erfassung achten die „Aufseher“ bei Ajum.de sehr, so daß ich es mir schnell angewöhnte, den Übersetzer zu nennen. Bibliographisch ist die Nennung wie die des Illustrators korrekt, richtig und notwendig. Es gehört sich so.
    Tja, die Praxis ist eben dann doch anders und zeigt deutlich das Paradoxon in der Geschichte. 95 % aller Leser – so meine Vermutung – ist der Übersetzer egal. Da wird der fremdsprachige Autor im Geiste mit der deutschen Sprache verknüpft. Und solange der Leser kein Blick ins Original wirft (und sprachlich überhaupt werfen kann), so fällt auch die Qualität der Übersetzungsleistung nicht auf. Bleibt die Frage am Ende: brauchen Übersetzer mehr Lobby? Wie schafft man ein größeres öffentliches Bewußtsein für ihre Leistung bei den Durchschnittslesern? Reicht dazu alleine die Nennung? Ich bin da tatsächlich ratlos.

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