10 Fragen an Jörg Bernardy

Uns alle verbinden gute Geschichten und die Leidenschaft, Kinder und Jugendliche für diese zu begeistern. Im Rahmen der Bücherkinder-Interview-Reihe möchte ich diese Menschen vorstellen.

Wer sind Sie und wie sieht Ihre Arbeit mit Kinderbüchern aus?

Ich bin Philosoph, Autor und Dozent. Meine Jugendsachbücher vermitteln aktuelle Gesellschaftsthemen, philosophische Fragen und komplexe Sachverhalte auf eine spielerische, spannende Art. Dabei werden diese großen Fragen und Themen mit dem eigenen Alltag in Verbindung gebracht. So richtig lebendig werden diese Bücher dann in meinen Workshops mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Wie würden Sie sich aktuell in drei Hashtags (#) beschreiben?

#mann #frau #mensch

Welches Buch liegt derzeit ganz oben auf Ihrem Nachttisch und warum?

Stille. Frauen und Macht. Der Idiot. Und ein Buch über künstliche Intelligenz. Da liegen aber noch mehr oben drauf, was wiederum ganz davon abhängt, welche und wie viele Stapel es gerade sind.

Wie beeinflusst Ihre Arbeit mit bzw. für Kinder und Jugendliche Ihre Sicht auf die heutige Gesellschaft und unsere Welt?

Mir wird immer wieder klar, dass man gar nicht früh genug damit anfangen kann, über bestimmte Dinge nachzudenken und miteinander zu reden. Zum Beispiel der Unterschied zwischen Mensch und Tier, aber auch die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, also die Frage, wie man die Person wird, die man ist. Vor allem Fragen zur persönlichen Identität, zum gesellschaftlichen Umfeld und zu allem, was einen in der Kindheit prägt, sollte man sich früh genug stellen und nicht erst dann, wenn man die wichtigsten Jahre der Prägung hinter sich hat. Glücklicherweise hat man zwar auch danach noch ein wenig Einfluss darauf, wer man ist und wer man sein will. Aber ich finde, dass in unserer Welt fehlt ganz allgemein eine Kultur der Selbsterkenntnis, die nicht nur für Privilegierte zugänglich ist. Und noch eine letzte Sache ist wichtig, die meine Arbeit mit jungen Menschen sehr stark beeinflusst: vor allem Jugendliche wollen wie Erwachsene behandelt werden, daran sollte man sich immer wieder erinnern.

Was ist die treibende Kraft, auch weiterhin was mit Kinderbüchern zu machen?

Kinder und Jugendliche sind in einer gewissen Hinsicht extrem: ihr Zugang zur Welt ist einerseits sehr stark von Klischees und Stereotypen geprägt. Andererseits haben sie oftmals ganz andere Assoziationen als Erwachsene. Daher verändert die Arbeit mit Kindern auch mein Philosophieren mit Erwachsenen und umgekehrt. Genau das treibt mich an, fasziniert mich und lässt mich immer wieder neue Dinge ausprobieren.

Kapitelvignette aus „Mann Frau Mensch“

Wie begeistern Sie potenzielle Nichtleser für das Buch?

Ich bin froh in einer Kultur zu leben, die das Lesen und Selbstdenken fördert. Bei jüngeren Kindern bieten sich dafür Bilderbücher an, die wenig Text enthalten. Mit Bildern kann man Kinder viel besser für Geschichten, Sprache und Fragen begeistern. Mit dem vom Jungen Hamburger Literaturhaus ins Leben gerufene Projekt „Gedankenflieger“ mache ich das ganz konkret an Grundschulen. Zuletzt haben wir zum Beispiel gezielt soziale Brennpunkte in Norddeutschland besucht. Ansonsten hilft es, Vorbild zu sein. Man kann Kinder neugierig auf Lesen und Denken machen, wenn man keinen moralischen Druck aufbaut. Oft reicht es mir, dass ich sie zum Nachdenken bringen und für ein Thema oder eine bestimmte Frage begeistern kann. Da kommt das Interesse für Bücher hoffentlich irgendwann dazu.

Was macht für Sie ein gutes Kinderbuch aus?

Viel Farbe. Licht. Aber auch genügend Dunkelheit und Platz für eigene Gedanken, Bilder und Sehnsüchte.

Wie hat sich Ihre Arbeit mit fortschreitender Digitalisierung verändert?

Ganz praktisch: Ich schreibe mehr E-Mails als jemals zuvor und bekomme durch die sozialen Medien viel Feedback, Kommentare und Posts von anderen. Dadurch denke ich offener in alle Richtungen und ich bekomme einen direkten Einblick in das Leben und Fühlen anderer Menschen. Allerdings wächst damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass man sich für jeden möglichen Schmarrn zu interessieren beginnt und sich dabei erwischt, den dann auch noch kommentieren zu wollen. Manchmal ist es besser, das dann einfach für sich zu behalten und für sich weiterzudenken. Die Wahrheit ist ja: ich könnte 24 Stunden am Tag mit Diskutieren und Kommunizieren verbringen, aber zum Glück sind Menschen ja (noch) keine Roboter.

Welche sozialen Netzwerke nutzen Sie und warum?

Facebook für den Newsstream, aber auch für interessante Geschichten und die aktuellen Themen anderer Menschen in meinem Umfeld. Instagram wegen der Bilder, das entspannt mich sogar, weil man sich einfach mal nicht nur auf Worte konzentrieren muss. Quasi eine Blaupause für mein Gehirn. Allerdings sind eigene Gedanken und verbindende Gespräche mit anderen Menschen eine wichtige Strategie gegen das allzu laute und bunte Leben, in dem man vor lauter Bildern keinen klaren Gedanken mehr fasst. Ich habe gar nichts gegen Kommunikation mit Bildern, finde aber, dass Reflexionsfähigkeit, Ruhe und Konzentration gerade in unserer digitalen Kultur genauso wichtig sind. Twitter war mir bisher zu schnell, aber ich verstehe schon den Witz und die Wichtigkeit dieses Mediums. Zuletzt wurde ich zu einem Podcast über Mann Frau Mensch eingeladen. Irgendwie gefällt mir die gleichzeitige Lockerheit und Intensität dieser Art von Gespräch am besten.

Mit welchem Kinderbuchmenschen sollten wir dieses Interview unbedingt mal führen?

Mit Blexbolex, Kirsten Boie, Tomi Ungerer, Ines Lucht, Miri D‘Oro und Matthea Dörrich.

Titelbild: Vorsatzpapier  von „Mann Frau Mensch“, Beltz & Gelberg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.