Fragen an die Übersetzerin Fabienne Pfeiffer

Flavia (12): Wenn ich ein Buch lese, frage ich mich meistens nicht, in welcher Sprache es ursprünglich geschrieben wurde. Aber eigentlich lese ich oft keine Originale, sondern Übersetzungen, also ist der Übersetzer ein Mit-Autor, der mindestens genauso wichtig für den Erfolg des Buches ist. Deswegen habe ich mich gefragt, wie es funktioniert und wie man sich als Übersetzer fühlt oder worauf es ankommt.

Ich habe gerade ein neues Buch gelesen (Land of Stories, Fischer Sauerländer), das mir wirklich sehr gut gefallen hat. Dieses ist auf Amerikanisch geschrieben und wurde von Fabienne Pfeiffer übersetzt, der ich dann Löcher in den Bauch gefragt habe.

Wählen Sie die Bücher selbst aus, die Sie übersetzen? Und wenn ja, warum haben Sie Land of Stories gewählt?
Die Titel werden zunächst vom Verlag ausgewählt und eingekauft, und anschließend sucht der Verlag zu jedem Buch eine Übersetzerin oder einen Übersetzer. Ich bekomme dann ein bestimmtes Manuskript angeboten und kann entscheiden, ob ich es übersetzen möchte oder nicht. Oft achtet der Verlag aber schon darauf, passende Übersetzerinnen anzufragen – zum Beispiel wissen die Verlage, mit denen ich arbeite, dass sie mir keine Thriller oder High Fantasy anzubieten brauchen, weil ich diese Genres nicht mag. Bei Land of Stories ist mir die Entscheidung leichtgefallen, da mir der Text beim ersten Anlesen direkt sehr gefallen hat.

Hatten Sie keine Angst, so ein dickes Buch übersetzen zu müssen?
Nein, gar nicht – ich liebe meine Arbeit, und der Text ist, wie Du ja beim Lesen hoffentlich ebenfalls gemerkt hast, sehr kurzweilig, sodass es auch mir beim Übersetzen nicht lang geworden ist. Außerdem sehe ich es nicht als ein „Müssen“, sondern als ein „Dürfen“. Ich bin glücklich, dass ich solche tollen Projekte übernehmen darf. Trotzdem ist es bei einem so umfangreichen Projekt noch mal toller, wenn man es geschafft hat und dann einen derart dicken Wälzer mit seinen eigenen Worten in der Hand hält – denn es steckt eben viel Zeit und Mühe darin.

Wie lange haben Sie für so ein dickes Buch gebraucht?
Wie lange ich brauche, hängt einerseits von der Seitenzahl, andererseits von der Schwierigkeit des Textes ab. Für den ersten Band von Land of Stories habe ich knapp drei Monate gebraucht – als Kinderbuch war es sprachlich ein bisschen einfacher als etwa komplexe, knifflige Jugendbücher. Bei Jugendbüchern rechne ich pro einhundert Seiten Text einen Monat Übersetzungszeit. Du siehst, bei Kinderbüchern geht es meist etwas schneller.

Gibt es Redewendungen, die Sie ändern müssen oder die Sie herausfordern? Welche?
Oh ja, das sind zum einen typische Redewendungen oder Gesten, für die es aber meist eine gängige Entsprechung gibt, da ist das nicht so schwer. Wenn zum Beispiel im englischen Buch jemand die Finger kreuzt, entspricht das im Deutschen dem Daumendrücken. Bei den Amerikanern regnet es auch Katzen und Hunde, bei uns eher Bindfäden. Kniffliger wird es bei Reimen, die sich natürlich auch im Deutschen reimen sollen, oder – im Fall von Land of Stories – bei Figuren, die wir hierzulande gar nicht unbedingt kennen. Geschäfte wie „Hänschen Kleins Häppchen“ oder der „Backe-backe-Kuchen-Laden“ hießen im Original natürlich anders. Aber solche Knobeleien machen mir unheimlich Spaß, da ich an derartigen Stellen selbst besonders kreativ sein und meine eigenen Ideen einbringen kann und muss.

Welches Buch, das Sie bereits übersetzt haben, hat Ihnen am meisten gefallen?
Du kennst bestimmt den Spruch, dass Eltern keine Lieblingskinder haben, oder? Ein bisschen fühlt sich das auch für mich tatsächlich so an! Ich mag an jedem meiner Bücher etwas anderes, und gerade die Abwechslung und die Tatsache, dass sie alle so verschieden sind, reizt mich am Übersetzen. Oft ist es so, dass ich nach einem Jugendbuch unheimlich Lust auf ein Kinderbuch habe, nach einem Kinderbuch ein Sachbuch genau das Richtige ist … jedes Buch ist auf seine Weise besonders. Weißt Du, ich führe ein Übersetzungstagebuch, in dem ich immer festhalte, was mir an den einzelnen Projekten am meisten gefallen hat, und wirklich zu jedem gibt es schöne und manchmal auch schräge Erinnerungen. Alle sind auf ihre Weise Lieblingsbücher, ganz ehrlich.

Wenn Sie den ersten Band einer Serie bekommen, übersetzen Sie auch die anderen? Werden Sie z. B. auch die anderen Bänder von Land of Stories übersetzen?
Wenn der Verlag mit meiner Arbeit zufrieden ist und es zeitlich passt, dann läuft das normalerweise so, ganz genau. Und zum Glück ist das auch hier der Fall: Ich habe schon für die weiteren Bände von Land of Stories unterschrieben und sogar gerade gestern die Übersetzung von Band 3 abgegeben! Der erscheint nächstes Frühjahr, und Band 2 kannst Du bereits im August auf Deutsch lesen. Ich habe bisher alle meine Reihen komplett übernehmen dürfen – dieses Jahr erscheint noch ein Folgeband meines Jugendromans Cinder & Ella, und auch Project Jane, ein weiteres Jugendbuch, das im Juli veröffentlicht wird, hat einen zweiten Band, den ich jetzt gerade übersetze. Auf Hazel Wood, ebenfalls ein Jugendroman, folgen noch zwei weitere Titel aus meiner Feder. Für Übersetzerinnen ist das schön, denn so können wir ein wenig vorausplanen, und wenn es zudem so tolle Titel sind, freut man sich auch immer schon auf die Rückkehr zu den bekannten und lieb gewonnenen Figuren!

Wenn Sie ein Buch nicht ausstehen können, übersetzen Sie es trotzdem oder können Sie es zurückgeben?
Das muss man abwägen – grundsätzlich gilt aber: Wenn der Vertrag unterschrieben ist, muss man da durch, selbst wenn es einem nicht gefällt. Deshalb überlegt man sich vorher gut, ob man ein Buch machen möchte und es zeitlich einrichten kann. Man liest den Text an, hat meist eine kurze Bedenkzeit, und entscheidet anschließend. Es würde auch keinen guten Eindruck machen, es sich im späteren Verlauf der Zusammenarbeit mit dem Verlag anders zu überlegen. Manchmal übernimmt man auch Aufträge, die einen vielleicht nicht absolut begeistern, weil es einem wichtig ist, weiter einen guten Kontakt zu dem Verlag zu wahren, oder weil man gerade keinen anderen Auftrag in Aussicht hat und natürlich nicht ohne Arbeit dastehen möchte. Trotzdem muss und darf man sich nicht ganz verbiegen: Wie schon erwähnt, mag ich keine Thriller und lese auch privat nie welche. Da wäre ich eine ganz falsche Kandidatin für eine Übersetzung, denn alles in mir sträubt sich dagegen, und einen solchen Auftrag würde ich in jedem Fall ablehnen. Das habe ich auch bereits einmal getan. Zum Glück hatte ich aber noch nie die Situation, dass ich ein einmal übernommenes Buch überhaupt nicht mochte, und meist eben absolut tolle Titel, über und auf die ich mich stets schon vorgefreut habe. Das weiß ich auch sehr zu schätzen!

Welche Figur in Land of Stories mochten Sie am meisten und warum?
Ganz ehrlich: Rotkäppchen. Conner hat einen tollen Humor, in Alex finde ich mich selbst ein bisschen wieder, und viele der anderen Figuren mag ich ebenfalls, aber Rotkäppchen wächst mir von Band zu Band mehr ans Herz, und es macht grandiosen Spaß, ihr im Deutschen eine Stimme zu geben. Sie ist unfreiwillig komisch, legt manchmal einen beißenden Ton an den Tag, hat aber ein gutes Herz und sogar Tiefgang, wie besonders in den späteren Büchern deutlich wird. Sie bringt mich zum Lachen, und ich hoffe, dieses Lachen kann ich transportieren.

Verspüren Sie manchmal den Drang, etwas zu ändern, aber Sie wissen, dass Sie es nicht tun dürfen?
Sehr selten, tatsächlich. Erstaunlich selten, beinahe – das überrascht mich gerade selbst, somit ist das eine sehr gute Frage von Dir! Danke! Weißt Du, ich glaube, das hat damit zu tun, dass die Bücher, die ich übersetze, ein bisschen zu meinen eigenen werden und ich einen regelrechten Beschützerinstinkt entwickele. Ich nehme es auch fast schon ein wenig „persönlich“, wenn jemand sie nicht mag 😉 Oder versuche, den Autor für seine Handlungsführung zu verteidigen. Außerdem habe ich einen sehr großen Respekt vor jedem Text: Ich arbeite ja quasi mit der Fantasie eines anderen Menschen, und Fantasie ist etwas sehr Wertvolles und eigentlich auch sehr Privates, bei dem es kein Richtig und Falsch gibt. Deshalb überlege ich mir alle Eingriffe sehr genau. Allerdings gibt es doch einen einzigen Fall, bei dem ich wirklich gern der Autorin gesagt hätte, dass sie das besser hätte machen können: Die Fortsetzung von Cinder & Ella ist wunderbar, aber der Epilog passt für mich gar nicht zum Rest, und es hat mir beinahe ein bisschen widerstrebt, ihn zu übersetzen, weil er für mich persönlich die Freude an der Lektüre geschmälert hat – und das wünsche ich mir für meine Leser natürlich nicht!

Welche Stellen von Land of Stories forderten Sie am meisten heraus?
In jedem Band kommen neue Figuren hinzu, und während Chris Colfer natürlich vorab die ganze Reihe geplant hat, kenne ich sie ja auch erst einmal nur so weit, wie ich sie bereits übersetzt habe. Da muss ich gut aufpassen, dass ich den Überblick behalte und nicht versehentlich zum Beispiel in einem frühen Band unbekannte englische Figuren durch bekannte deutsche ersetze, die dann aber später selbst noch im Original auftauchen! Inzwischen habe ich auch eine lange Liste, in die ich solche Entsprechungen eintrage, damit ich immer schnell nachschauen kann, falls doch einmal etwas vergessen geht. Bisher klappt das aber sehr gut, und solche Herausforderungen machen mir eben auch großen Spaß! Außerdem hält jedes Buch neue Überraschungen und Anforderungen bereit: Beim dritten Band, der zu einem großen Teil in Deutschland spielt, musste ich zum Beispiel ganz viel recherchieren, da ja alle Schauplätze, die es in der Wirklichkeit gibt, korrekt beschrieben sein müssen. Da verlasse ich mich nicht nur auf den amerikanischen Autor, sondern kontrolliere lieber selbst. Das Übersetzen ist jedenfalls immer, immer spannend und ein Abenteuer!

Nach diesem Interview bin ich auf diesen Beruf sehr neugierig geworden und gebe Fabienne Pfeiffer recht: Das Übersetzen scheint mir jetzt auch sehr spannend und ein Abenteuer zu sein! Ich möchte diesmal Fabienne Pfeiffer und ihrer Übersetzung von Land of Stories 5 Sterne vergeben! Den kompletten Buchtipp gibt es im Eselsohr August 2019 nachzulesen.

Flavia Schmidt (12) aus der Kinder- und Jugendredaktion

Flavia ist 12 Jahre alt und seit über 4 Jahren ein Bücherkind. Am liebsten liest sie witzige Geschichten, Abenteuerromane und Sachbücher. Wenn sie nicht liest, macht sie Leichtathletik, bastelt oder näht. Außerdem liebt sie CDs. Deshalb hat sie über 200 von denen.

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