Kullerkupp Verlag

Im Norden ist man freier

Saskia Geisler aus der Bilderbuchredaktion hat den frisch gegründeten Kullerkupp Kinderbuchverlag aus Berlin portraitiert.

Ein Foto von Familie „Kullerkupp“ mit Eva Thengilsdóttir der Autorin von „Nala. Ein Rittermärchen.“ Namen von links: Carsten, Eva Thengilsdóttir, Bettina mit Charlotte auf dem Arm und Lennart). Marlene ist nicht auf dem Bild, denn sie hat das Foto geknipst.

„Wir haben ja die Zielgruppe direkt vor uns sitzen. Unsere Kinder wählen die Titel aus.“ Diese Erklärung von Carsten Wilms zum Programm des Kullerkupp-Verlages sagt schon das wichtigste über dieses Berliner Start-Up der etwas eigenen Art. Nämlich dass hier eine ganze Familie Hobby und Mission verbindet und damit Kinderbücher aus dem Norden auf den deutschen Buchmarkt bringt. „Den Norden definieren wir dabei sehr weit“, erklärt Carsten Wilms. „Wir ziehen zum Beispiel auch das Baltikum hinzu.“

Tatsächlich kommen gleich drei der ersten vier Titel aus Estland. Bücher aus Island und Grönland sind für den Herbst geplant und für 2019 sind schon ein finnischer Titel sowie – passend zum Buchmessegastland – ein norwegisches Kinderbuch fest im Blick. Insgesamt vier Bilderbücher wollen die Kullerkupp-Enthusiasten pro Jahr verlegen und gehen dabei mit einigem Idealismus ans Werk.

Wenn schon nordisch, dann richtig

„Wir haben uns gedacht, wenn schon nordisch, dann richtig. Also auch umweltbewusst. Wir drucken bewusst in einer Berliner Druckerei, die Qualität ist hoch, die Transportwege kurz. Das ist zwar teurer, aber wir bekommen tolle Beratung, auch zu den Materialien. Schließlich sollen die in Kinderhänden ungefährlich sein und lange halten“, erklärt Wilms. Der studierte Skandinavist und Finnougrist ist eigentlich im Auswärtigen Amt beschäftigt, war in dessen Dienst vier Jahre als Kulturattaché in Estland und hat zudem einige Monate im finnischen Außenministerium verbracht. „So viele Menschen, die finnisch sprechen, gibt es dann eben auch bei uns nicht“, schmunzelt er.

Wie anders die Kinderbuchwelt an den jeweiligen nordischen Standorten ist, merkte Familie Wilms, deren drei Kinder zur Zeit sieben, fünf und zwei Jahre alt sind, schnell. „Da habe ich dann immer ad hoc-Übersetzungen gemacht und mir gedacht: Schade, dass es so etwas nicht in Deutschland gibt.“ Aus den Ad hoc-Übersetzungen sind mit Verlagsgründung tatsächliche Übersetzungen geworden, denn die Sprachen, die er selbst beherrscht, übersetzt Carsten Wilms auch ins Deutsche. Seine Frau Bettina Wilms ist dafür für alles Finanzielle und das Marketing zuständig. Sie arbeitet eigentlich im Hotelgewerbe. Bei der Titelauswahl helfen den Wilms‘ allerdings nicht nur die eigenen Kinder, auch wenn die am Ende die letzten Entscheidungen treffen. Vielmehr greifen die Fans nordischer Kinderliteratur auf bekannte Netzwerke wie die Literaturvermittlungen der jeweiligen Länder oder die Internationale Jugendbibliothek in München zurück. „Sehr praktisch ist ja auch das deutsche Logistiksystem. Wir sind sehr froh, dass wir uns da nicht selbst drum kümmern müssen, wie die Bücher in die Buchhandlungen kommen, sondern das über die großen Händler läuft.“ – Kein Wunder, bei drei Kindern und zwei Vollzeitjobs wirkt es schon wie ein Ding der Unmöglichkeit, überhaupt einen Verlag auf die Beine zu stellen. Doch auf diesen Kommentar reagiert Wilms mit einem Schmunzeln: „Wir sind eben Enthusiasten mit einer Mission.“

Die Verlagerung des Verlagsgeschäftes in die Freizeit, Kinderbuch als Hobby sozusagen, beobachtet Carsten Wilms auch bei seinen Kontakten mit Künstlerinnen und Künstlern im Norden. „Ich habe das Gefühl, die sind da freier, auch mal etwas Neues, Anderes auszuprobieren. Die haben aber meistens auch noch andere Jobs und machen die Kinderbücher zwar professionell aber vielfach nebenher.“

Alles andere als Mainstream

Dass die Bilderbücher des Kullerkupp-Verlags in der Tat nicht ganz in den Mainstream des deutschen Buchmarktes passen, wird schon bei einem ersten Blick auf die Webseite des Verlags deutlich. Kantige, eigenwillige Illustrationen, die weniger auf Niedlichkeit als auf offenen Blick setzen, strahlen einem hier entgegen. „Diese Bücher sollen schon einen gewissen Anspruch haben. Die Kinder in ihrer Kreativität fördern, aber nicht so sehr einen pädagogischen Ansatz haben, sondern sie irgendwie selbst ihre Schlüsse ziehen lassen“, erklärt Wilms.

Beispielhaft mag dafür „Einen Tag ganz brav“ von Indrek Koff und Ulla Saar dienen. Entgegen der sonst üblichen Erzählhaltung wird hier nicht durchgängig durcherzählt. Stattdessen folgen wir erst zwei Geschwistern, wie sie sich sozusagen unmenschlich brav durch den Tag schlagen. Aufräumen, Kuchen backen, Wäsche waschen – diese Kinder sind einfach eine Wucht. Und dann kommt die Gegenerzählung: Eine erschöpfte Mutter, die nachhause kommt, und ihre Wohnung im absoluten Chaos vorfindet. Kaputtgewaschene Wäsche, mehlbestäubte Küche, alles ist dabei.

Die Stärke des Buches ist dabei, beide Perspektiven völlig wertfrei zu erzählen, nicht zwischen ihnen zu vermitteln, sondern sie für sich stehen zu lassen. So haben sowohl erwachsene als auch kindliche Leserinnen und Leser die Möglichkeit, den anderen Blick unverstellt zu sehen und sich zweierlei sicher zu werden: Nämlich, dass es Familienchaos überall gibt und dass sich-lieb-haben immer eine gute Lösung sein kann.

Als besonderes Extra bietet der Verlag zudem zum kostenlosen Download kleine Zusätze zu den Büchern auf seiner Homepage an – ob eine Extraerzählung wie bei „Einen Tag ganz brav“, ein Memory, oder eine Malvorlage. „Zusätzlich machen wir natürlich auch Workshops in Kindergärten und Schulen“, erklärt Wilms. Und macht zugleich deutlich: „Wir sind schon froh, wenn ein Buch das nächste finanziert. Das ist sozusagen unser erstes Ziel.“

Es ist dem Kullerkupp Verlag und der Familie Wilms zu wünschen, dass das gelingt. Dem deutschen Buchmarkt würden mehr Bilderbücher dieser Art nämlich ganz sicher gut tun – ein wenig Mut, ein wenig Neues und sehr viel Raum für Kinderträume!

Saskia Geisler aus der Bilderbuchredaktion

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