10 Fragen an Yvonne Hergane

Uns alle verbinden gute Geschichten und die Leidenschaft, Kinder und Jugendliche für diese zu begeistern. Im Rahmen der Bücherkinder-Interview-Reihe möchte ich diese Menschen vorstellen.

© Privat

Wer sind Sie und wie sieht Ihre Arbeit mit Kinderbüchern aus?
Ich heiße Yvonne Hergane, ich schreibe und übersetze (hauptsächlich) Kinder- und Jugendliteratur. Mit meinen eigenen Kinderbüchern (Spezialität: gereimte und/oder wortverspielte Bilderbücher) mache ich oft Lesungen, Bilderbuchkino, Reimbastelwerkstätten usw.

Wie würden Sie sich aktuell in drei Hashtags (#) beschreiben?
#Auf dem Sprung #Auf neuen Wegen #Aufgeregt

Welches Buch liegt derzeit ganz oben auf Ihrem Nachttisch und warum?
Hank Green: „Ein wirklich erstaunliches Ding“. Das wurde von meiner lieben Kollegin Katarina Ganslandt übersetzt und hat in der Jugendbuchszene gerade ziemlich eingeschlagen. Ich halte es für ein ganz besonderes, herrlich schräges, großartiges Buch mit einer extrem wichtigen Botschaft.

Wie beeinflusst Ihre Arbeit mit bzw. für Kinder und Jugendliche Ihre Sicht auf die heutige Gesellschaft und unsere Welt?
Uns sollte klar sein (und zwar nicht erst seit Greta Thunberg), dass Kinder/Jugendliche oft eine viel klarere, radikalere Sicht auf die Welt haben, die es gefälligst ernstzunehmen gilt, wenn wir als Menschheit nicht vor die Hunde gehen wollen (s. das oben genannte Buch von Hank Green). Mir hat die typische Kinderfrage „Warum nicht?“ schon mehrmals geholfen, mich über stereotype Ausreden, Bedenken und Vorwände hinwegzusetzen und Dinge zu wagen, bei denen wir Erwachsenen gerne vorschnell sagen: „Ach, das geht ja doch nicht …“ Kinder sind oft viel intuitiver, mutiger, konstruktiver, im besten Sinne verrückter als Erwachsene, und in ihrer Nähe zu leben (beruflich wie privat) hilft total, sich dieses innere Kind zu bewahren, zukunftsbewusster zu agieren, die Prioritäten richtig anzuordnen – und schlicht mehr Spaß am Leben zu haben.

Was ist die treibende Kraft, auch weiterhin was mit Kinderbüchern zu machen?
Ich liebe die leichtfüßige, unbeschwerte Spielfreude, mit der Kinder an Bücher herangehen, sie an sich reißen, sie sich zu eigen machen. Ich versuche die Bücher zu schreiben, die ich selbst als Kind gern gelesen hätte, und ich genieße das Zusammensein mit Kindern bei Lesungen, lerne jedes Mal ganz viel aus der direkten Interaktion mit ihnen. So bleibe ich ein Stück weit selbst auch ewig Kind.

Wie begeistern Sie potenzielle Nichtleser für das Buch?
Vielleicht haben Kinder, die nicht gern lesen, einfach noch nicht die Bücher gefunden, die ihnen Spaß machen. Ich habe meinem Sohn (knapp 15) natürlich schon immer Lesefutter aller Art angeboten, ihm viel vorgelesen, er hat gefühlt seine halbe Kindheit in Buchhandlungen, Büchereien und mit der Mama auf Lesereise verbracht (mit Hörbüchern im Autoradio). Das Ergebnis: Erzählende Literatur liest er bis heute nicht gern, er kennt das Gefühl nicht, sich in einen Roman zu versenken und die Welt um sich herum zu vergessen, dafür wälzt er vor dem Schlafengehen gern Sachbücher über Neugriechische Grammatik, Neurochirurgie oder Neuseeländische Sehenswürdigkeiten. Und das ist auch völlig OK so. Wir müssen aufhören, Kindern Bücher aufzudrängen, von denen wir denken, dass sie sie lesen SOLLEN, und ihnen die anbieten, die sie lesen WOLLEN. Darauf vertrauen, dass Kinder selber spüren, was sie brauchen und gebrauchen können. Es hat in meiner Kindheit und Jugend Jahre gegeben, da hab ich alles durcheinander gelesen: billige Heftchenromane, Karl May, Trixie Belden, Max Frisch, Stephen King, Hanni und Nanni und Theaterstücke von Beckett. Und ich behaupte mal, jedes einzelne Buch hat mir was gegeben und mich vorangebracht. Heutigen Kindern stehen so viele andere Medien und Beschäftigungsmöglichkeiten zur Verfügung, da wäre es weltfremd zu erwarten, dass sie allesamt leidenschaftliche Leseratten werden, die ein Buch jederzeit der Spielkonsole vorziehen. Hauptsache, das Buch als Medium bleibt selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens, dessen sie sich nach Belieben und Bedarf bedienen.

Was macht für Sie ein gutes Kinderbuch aus?
Eins, das Lesefreude generiert, die Kinder nicht belehrend oder von oben herab behandelt und in dem spielerisch und kreativ mit Sprache umgegangen wird.

Wie hat sich Ihre Arbeit mit fortschreitender Digitalisierung verändert?
Gar nicht so sehr, wie man denken könnte. Aber ich bin auch ein ziemlicher „Dino“, was Technik angeht. Klar, ich tippe meine Manuskripte auf dem PC, aber unterwegs nehme ich nicht immer mein Laptop mit, im Zug oder im Café schreibe ich immer noch gerne mit der Hand. Dass man sich viel schneller vernetzen kann als früher, unterwegs einfach das Handy zücken und Dinge nachschlagen kann, ist natürlich schon toll. Aber gerade bei der Recherche fehlt mir ehrlich gesagt das, was ich noch aus meinem Studium kenne – sich tagelang in einer Bibliothek verkriechen, dicke alte Bände wälzen und darin skurrile Details entdecken … Das hatte schon einen gewissen Charme, den Google nie bieten wird. Und man darf nie vergessen, dass das Internet einem nur einen kleinen, von anderen ausgesuchten Ausschnitt der in Wirklichkeit viel größeren Infowelt bietet – das eigentlich Interessante findet man nach wie vor eher offline … Bücher lese ich nach wie vor nur als Printausgabe, ich brauche dieses Sinnliche, Haptische des Papiers. Und angesichts der ewigen Erreichbarkeit und der Präsenz aller Medien ist es manchmal schwer, einfach nur seine Arbeit zu machen – also zu schreiben. Ohne sich stundenlang im Internetlabyrinth zu verlieren, ohne sich ständig ablenken zu lassen. Für uns AutorInnen mit diesem meist einsamen Beruf ist die „moderne“ Welt eben Fluch und Segen zugleich. Eine Gratwanderung.

Welche sozialen Netzwerke nutzen Sie und warum?
Aktiv derzeit nur facebook, und das größtenteils beruflich (oder höchstens, um aus den Augen verlorene liebe alte Freunde wiederzufinden). Ich muss sagen, das hat mir in Sachen Vernetzen schon viel gebracht – ich gehöre zum Beispiel zu den Elbautoren (Zusammenschluss Hamburger KinderbuchautorInnen), zum Bundeskongress Kinderbuch, es entstehen Kooperationen, Veranstaltungen im In- und Ausland, ich kriege viel mehr vom Tun meiner KollegInnen mit und von dem, was im deutschsprachigen Raum literarisch so passiert … In anderen Foren (Autorenwelt, Schreibwelt, Lovely Books usw.) bin ich auch, aber aus Zeitmangel gucke ich da leider nur sporadisch rein.

Mit welchem Kinderbuchmenschen sollten wir dieses Interview unbedingt mal führen?
Tanya Lieske, Autorin und Journalistin


Webseite von Yvonne Hergane
Titelbild: © Simone Klages

  1. Das ist eine ganz tolle Beobachtung über Lese-Leidenschaft bei Kindern und Jugendlichen. Genau so ist es, die Mischung macht es aus. Am Ende wird man zu dem was man wird, ein Zusammenspiel aus allen Büchern, die man gelesen hat. Danke dafür!!

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